14 Die Atome der Kausalität
Statistik, Bayes, Wahrscheinlichkeit, Inferenz, R, Kausalität
14.1 Lernsteuerung
Für dieses Kapitel benötigen Sie folgende R-Pakete:
Wir nutzen wieder den Datensatz Saratoga County1; s. Tabelle 13.3. Hier gibt es eine Beschreibung des Datensatzes2.
Sie können ihn entweder über die Webseite herunterladen:
Oder aber über das Paket mosaic importieren:
data("SaratogaHouses", package = "mosaicData")
d <- SaratogaHouses # kürzerer Name, das ist leichter zu tippenAlternativ können Sie ihn hier herunterladen:
Nach Absolvieren des jeweiligen Kapitels sollen folgende Lernziele erreicht sein.
Sie können …
- erklären, wann eine Kausalaussage gegeben eines DAGs berechtigt ist
- erklären, warum ein statistisches Modell ohne Kausalmodell zumeist keine Kausalaussagen treffen kann
- die “Atome” der Kausalität eines DAGs benennen
- “kausale Hintertüren” schließen
Dieses Kapitel vermittelt die Grundlagen der Kausalinferenz mittels graphischer Modelle. Ähnliche Darstellungen wie in diesem Kapitel finden sich bei Rohrer (2018).
Die Folien zu diesem Kapitel finden Sie hier.
14.2 Kollision
14.2.1 Kein Zusammenhang von Intelligenz und Schönheit (?)
Gott ist gerecht (?)3 Zumindest findet sich in folgenden Daten kein Zusammenhang von Intelligenz (talent) und Schönheit (looks), wie Abbildung 14.1 illustriert. Für geringe Intelligenzwerte gibt es ein breites Spektrum von Schönheitswerten und für hohe Intelligenzwerte sieht es genauso aus.
14.2.2 Aber Ihre Dates sind entweder schlau oder schön
Seltsamerweise beobachten Sie, dass die Menschen, die Sie daten (Ihre Dates), entweder schön sind oder schlau – aber selten beides gleichzeitig (schade), s. Abbildung 14.2.
Wie kann das sein?
14.2.3 DAG zur Rettung
Der DAG in Abbildung 14.3 bietet eine rettende Erklärung.
Eine ähnliche Visualisierung des gleichen Sachverhalts zeigt Abbildung 14.4.
14.2.4 Was ist eine Kollision?
Definition 14.1 (Kollision) Als Kollision (Kollisionsverzerrung, Auswahlverzerrung, engl. collider) bezeichnet man einen DAG, bei dem eine Wirkung zwei Ursachen hat (eine gemeinsame Wirkung zweier Ursachen) (Pearl et al., 2016, p. 40). \(\square\)
Kontrolliert man die Wirkung m, so entsteht eine Scheinkorrelation zwischen den Ursachen x und y. Kontrolliert man die Wirkung nicht, so entsteht keine Scheinkorrelation zwischen den Ursachen, s. Abbildung 14.3, vgl. Rohrer (2018).
Man kann also zu viele oder falsche Prädiktoren einer Regression hinzufügen, so dass die Koeffizienten nicht die kausalen Effekte zeigen, sondern durch Scheinkorrelation verzerrte Werte.
🙅♀️ Kontrollieren Sie keine Kollisionsvariablen. \(\square\)
14.2.5 Einfaches Beispiel zur Kollision
In der Zeitung Glitzer werden nur folgende Menschen gezeigt: a) schöne Menschen und b) reiche Menschen.
Gehen wir davon aus, dass Schönheit und Reichtum unabhängig voneinander sind.
Übungsaufgabe 14.1 Wenn ich Ihnen sage, dass Don nicht schön ist, aber in der Glitzer häufig auftaucht, was lernen wir dann über seine finanzielle Situation?4 \(\square\)
“Ich bin schön, unglaublich schön, und groß, großartig, tolle Gene!!!” 🧑
14.2.6 Noch ein einfaches Beispiel zur Kollision
“So langsam check ich’s!” 🧑5
Sei Z = X + Y, wobei X und Y unabhängig sind.
Wenn ich Ihnen sage, X = 3, lernen Sie nichts über Y, da die beiden Variablen unabhängig sind. Aber: Wenn ich Ihnen zuerst sage, Z = 10, und dann sage, X = 3, wissen Sie sofort, was Y ist (Y = 7).
Also: X und Y sind abhängig, gegeben Z: \(X \not\perp \!\!\! \perp Y \,|\, Z\).6
14.2.7 Durch Kontrollieren entsteht eine Verzerrung bei der Kollision
Abbildung 14.3 zeigt: Durch Kontrollieren entsteht eine Kollision, eine Scheinkorrelation zwischen den Ursachen.
Kontrollieren kann z.B. bedeuten:
-
Stratifizieren: Aufteilen von
datein zwei Gruppen und dann Analyse des Zusammenhangs vontalentundlooksin jeder Teilgruppe vondate -
Kontrollieren mit Regression: Durch Aufnahme von
dateals Prädiktor in eine Regression zusätzlich zulooksmittalentals Prädiktor
Ohne Kontrolle von date entsteht keine Scheinkorrelation zwischen Looks und Talent. Der Pfad (“Fluss”) von Looks über date nach Talent ist blockiert.
Kontrolliert man date, so öffnet sich der Pfad Looks -> date -> talent und die Scheinkorrelation entsteht: Der Pfad ist nicht mehr “blockiert”, die Korrelation kann “fließen” – was sie hier nicht soll, denn es handelt sich um Scheinkorrelation.
Das Kontrollieren von date erfolgt zumeist durch das Bilden einer Teilgruppe (Auswahl).
14.2.8 IQ, Fleiss und Eignung fürs Studium
Sagen wir, über die Eignung für ein Studium würden nur (die individuellen Ausprägungen) von Intelligenz (IQ) und Fleiss entscheiden, s. den DAG in Abbildung 14.5.
Bei positiver eignung wird ein Studium aufgenommen (studium = 1), ansonsten nicht (studium = 0).
eignung (fürs Studium) sei definiert als die Summe von iq und fleiss, plus etwas Glück, s. Listing 14.1.
set.seed(42) # Reproduzierbarkeit
N <- 1e03
d_eignung <-
tibble(
iq = rnorm(N), # normalverteilt mit MW=0, sd=1
fleiss = rnorm(N),
glueck = rnorm(N, mean = 0, sd = .1),
eignung = 1/2 * iq + 1/2 * fleiss + glueck,
# nur wer geeignet ist, studiert (in unserem Modell):
studium = ifelse(eignung > 0, 1, 0)
)Laut unserem Modell setzt sich Eignung zur Hälfte aus Intelligenz und zur Hälfte aus Fleiss zusammen, plus etwas Glück.
14.2.9 Schlagzeile “Fleiß macht blöd!”
Eine Studie untersucht den Zusammenhang von Intelligenz (iq) und Fleiß (f) bei Studentis (s). Ergebnis: Ein negativer Zusammenhang!?
Berechnen wir das “Eignungsmodell”, aber nur mit Studis (studium == 1, also ohne Nicht-Studis), s. Tabelle 14.1.
| Parameter | 95% HDI |
|---|---|
| (Intercept) | [ 0.70, 0.86] |
| fleiss | [-0.53, -0.36] |
Abbildung 14.6 zeigt das Modell und die Daten.
IQ ist nicht unabhängig von Fleiß in unseren Daten, sondern abhängig. Nichtwissenschaftliche Berichte, etwa in einigen Medien, greifen gerne Befunde über Zusammenhänge auf und interpretieren die Zusammenhänge – oft vorschnell – als kausal. (Ehrlicherweise muss man zugeben, dass auch wissenschaftliche Berichte Daten über Zusammenhänge gerne kausal interpretieren, oft vorschnell.)
14.2.10 Kollisionsverzerrung nur bei Stratifizierung
Definition 14.2 (Stratifizieren) Durch Stratifizieren wird eine Stichprobe in (homogene) Untergruppen unterteilt (sog. Strata). \(\square\)
Nur durch das Stratifizieren (Aufteilen in Subgruppen, Kontrollieren, Adjustieren) tritt die Scheinkorrelation auf, s. Abbildung 14.7.
Ohne Stratifizierung tritt keine Scheinkorrelation auf. Mit Stratifizierung tritt Scheinkorrelation auf.
Wildes Kontrollieren einer Variablen – Aufnehmen in die Regression – kann genauso gut schaden wie nützen.
Nur Kenntnis des DAGs verrät die richtige Entscheidung: ob man eine Variable kontrollieren muss oder es nicht darf.
Nimmt man eine Variable als zweiten Prädiktor auf, so “kontrolliert” man diese Variable. Das Regressionsgewicht des ersten Prädiktors wird “bereinigt” um den Einfluss des zweiten Prädiktors; insofern ist der zweite Prädiktor dann “kontrolliert”.
14.2.11 Einfluss von Großeltern und Eltern auf Kinder
Wir wollen hier den (kausalen) Einfluss der Eltern E und Großeltern G auf den Bildungserfolg der Kinder K untersuchen.
Wir nehmen folgende Effekte an:
- indirekter Effekt von
GaufK: \(G \rightarrow E \rightarrow K\) - direkter Effekt von
EaufK: \(E \rightarrow K\) - direkter Effekt von
GaufK: \(G \rightarrow K\)
Wir sind v.a. interessiert an \(G \rightarrow K\), dem direkten kausalen Effekt von Großeltern auf ihre Enkel, s. Abbildung 14.8.
Aber was ist, wenn wir vielleicht eine unbekannte Variable übersehen haben? (S. nächster Abschnitt).
14.2.12 Der Gespenster-DAG
Es gibt “unheilbare” DAGs, nennen wir sie “Gespenster-DAGs”, in denen es nicht möglich ist, einen (unverzerrten) Kausaleffekt zu bestimmen, s. Abbildung 14.9. Letztlich sagt uns der DAG bzw. unsere Analyse zum DAG: “Deine Theorie ist nicht gut, zurück an den Schreibtisch und denk noch mal gut nach. Oder sammele mehr Daten.”
U könnte ein ungemessener Einfluss sein, der auf E und K wirkt, etwa Nachbarschaft. Die Großeltern wohnen woanders (in Spanien), daher wirkt die Nachbarschaft der Eltern und Kinder nicht auf sie. E ist sowohl für G als auch für U eine Wirkung, also eine Kollisionsvariable auf diesem Pfad. Wenn wir E kontrollieren, wird es den Pfad \(G \rightarrow K\) verzerren, auch wenn wir niemals U messen.
Die Sache ist in diesem Fall chancenlos. Wir müssen diesen DAG verloren geben, McElreath (2020), S. 180; ein Gespenster-DAG. 👻
14.3 Die Hintertür schließen
Definition 14.3 (Hintertür) Eine “Hintertür” ist ein nicht-kausaler Pfad zwischen einer UV und einer AV. Ein Hintertürpfad entsteht, wenn es eine alternative Route über eine oder mehrere Variable gibt, die UV mit der AV verbindet. Dieser Pfad verzerrt die Schätzwerte des kausalen Einflusses, wenn er nicht kontrolliert wird. \(\square\)
14.3.1 Zur Erinnerung: Konfundierung
Forschungsfrage: Wie groß ist der (kausale) Einfluss der Schlafzimmerzahl auf den Verkaufspreis des Hauses?
a: livingArea, b: bedrooms, p: price
UV: b, AV: p
Das Kausalmodell ist in Abbildung 14.10 dargestellt.
Im Regressionsmodell p ~ b wird der kausale Effekt durch die Konfundierung mit a verzerrt sein. Der Grund für die Konfundierung sind die zwei Pfade zwischen b und p:
- \(b \rightarrow p\)
- \(b \leftarrow a \rightarrow p\)
Beide Pfade erzeugen (statistische) Assoziation zwischen b und p. Aber nur der erste Pfad ist kausal; der zweite ist nichtkausal. Gäbe es nur den zweiten Pfad und wir würden b ändern, so würde sich p nicht ändern.
14.3.2 Gute Experimente zeigen den echten kausalen Effekt
Abbildung 14.11 zeigt eine erfreuliche Situation: Die “Hintertür” zu unserer UV (Zimmerzahl) ist geschlossen!
Ist die Hintertür geschlossen – führen also keine Pfeile in unserer UV – so kann eine Konfundierung ausgeschlossen werden.
Die “Hintertür” der UV (b) ist jetzt zu! Der einzig verbleibende, erste Pfad ist der kausale Pfad und die Assoziation zwischen b und p ist jetzt komplett kausal.
Eine berühmte Lösung, den kausalen Pfad zu isolieren, ist ein (randomisiertes, kontrolliertes7) Experiment. Wenn wir den Häusern zufällig (randomisiert) eine Anzahl von Schlafzimmern (b) zuweisen könnten (unabhängig von ihrer Quadratmeterzahl, a), würde sich der Graph so ändern. Das Experiment entfernt den Einfluss von a auf b. Wenn wir selber die Werte von b einstellen im Rahmen des Experiments, so kann a keine Wirkung auf b haben. Damit wird der zweite Pfad, \(b \leftarrow a \rightarrow p\) geschlossen (“blockiert”).
Die Stärke von (gut gemachten) Experimente ist, dass sie kausale Hintertüren schließen. Damit erlauben sie (korrekte) Kausalaussagen. \(\square\)
14.3.3 Hintertür schließen auch ohne Experimente
Konfundierende Pfade zu blockieren zwischen der UV und der AV nennt man auch die Hintertür schließen (backdoor criterion). Wir wollen die Hintertüre schließen, da wir sonst nicht den wahren, kausalen Effekt bestimmen können.
Zum Glück gibt es neben Experimenten noch andere Wege, die Hintertür zu schließen, wie die Konfundierungsvariable a in eine Regression mit aufzunehmen.
Kontrollieren Sie Konfundierer, um kausale Hintertüren zu schließen. \(\square\)
Warum blockt das Kontrollieren von a den Pfad \(b \leftarrow a \rightarrow p\)? Stellen Sie sich den Pfad als eigenen Modell vor. Sobald Sie a kennen, bringt Ihnen Kenntnis über b kein zusätzliches Wissen über p. Wissen Sie hingegen nichts über a, lernen Sie bei Kenntnis von b auch etwas über p. Konditionieren ist wie “gegeben, dass Sie a schon kennen…”.
\(b \perp \!\!\! \perp p \,|\,a\)
14.4 Die vier Atome der Kausalanalyse
Abbildung 14.12 stellt die vier “Atome” der Kausalinferenz dar. Mehr gibt es nicht! Kennen Sie diese vier Grundbausteine, so können Sie jedes beliebige Kausalsystem (DAG) entschlüsseln.
14.4.1 Mediation
Definition 14.4 (Mediator) Einen Pfad mit drei Knoten (Variablen), die über insgesamt zwei Kanten verbunden sind, wobei die Pfeile von UV zu Mediator und von Mediator zur AV zeigen, nennt man Mediation. Der Mediator ist die Variable zwischen UV und AV (Pearl et al., 2016, p. 38). \(\square\)
Die Mediation (synonym: Wirkkette, Rohr, Kette, chain) beschreibt Pfade, in der die Kanten (eines Pfades) die gleiche Wirkrichtung haben: \(x \rightarrow m \rightarrow y\). Anders gesagt: Eine Mediation ist eine Kausalabfolge der Art \(x \rightarrow m \rightarrow y\), s. Abbildung 14.13. Die Variable in der Mitte \(m\) der Kette wird auch Mediator genannt, weil sie die Wirkung von X auf Y “vermittelt” oder überträgt. Die Erforschung von Mediation spielt eine recht wichtige Rolle in einigen Wissenschaften, wie der Psychologie.
Beispiel 14.1 (Mediator kontrollieren?) Sollte man den Mediator m in Abbildung 14.13 kontrollieren, wenn man den Kausaleffekt von x auf y schätzen möchte?8 \(\square\)
Ohne Kontrollieren ist der Pfad offen: Die Assoziation “fließt” den Pfad entlang (in beide Richtungen). Kontrollieren blockt (schließt) die Kette (genau wie bei der Gabel).
Kontrollieren Sie den Mediator nicht. Der Pfad über den Mediator ist ein “echter” Kausalpfad, keine Scheinkorrelation. \(\square\)
Das Kontrollieren eines Mediators ist ein Fehler, wenn man am gesamten (totalen) Kausaleffekt von UV zu AV interessiert ist. \(\square\)
Es kann auch angenommen werden, dass der Mediator nicht der einzige Weg von X zu Y ist, s. Abbildung 14.14. In Abbildung 14.14 gibt es zwei kausale Pfade von X zu Y: \(x\rightarrow m \rightarrow y\) und \(x \rightarrow y\).
Definition 14.5 (Kausaleffekt) Gibt es eine (von (praktisch) Null verschiedene) kausale Assoziation der UV auf die AV, so hängt die AV von der UV (kausal) ab. Man spricht von einem Kausaleffekt (der UV auf die AV). \(\square\)
Definition 14.6 (Totaler Effekt) Die Summe der Effekte aller (kausalen) Pfade von UV zu AV nennt man den totalen (kausalen) Effekt. \(\square\)
Definition 14.7 (Indirekter Effekt) Den (kausalen) Effekt über den Mediatorpfad (von \(X\) über \(M\) zu \(Y\)) nennt man den indirekten (kausalen) Effekt. \(\square\)
Definition 14.8 (Direkter Effekt) Ein Effekt, der nur aus dem Pfad \(x\rightarrow y\) besteht, also ohne Zwischenglieder, nennt man in Abgrenzung zum indirekten Effekt, direkten (kausalen) Effekt. \(\square\)
14.4.2 Der Nachfahre
Definition 14.9 (Nachfahre) Ein Nachfahre (engl. descendent) ist eine Variable, die von einer anderen Variable beeinflusst9 wird, s. Abbildung 14.15. \(\square\)
Kontrolliert man einen Nachfahren d, so kontrolliert man damit zum Teil den Vorfahren (die Ursache), m. Der Grund ist, dass d Information beinhaltet über m. Hier wird das Kontrollieren von d den Pfad von x nach y teilweise öffnen, da m eine Kollisionsvariable ist.
14.4.3 Kochrezept zur Analyse von DAGs 👨🍳
Wie kompliziert ein DAG auch aussehen mag, er ist immer aus diesen vier Atomen aufgebaut.
Hier ist ein Rezept, das Ihnen zeigt, welche Variablen Sie kontrollieren sollten und welche nicht: 📄
- Listen Sie alle Pfade von UV (
X) zu AV (Y) auf. - Beurteilen Sie jeden Pfad, ob er gerade geschlossen oder geöffnet ist.
- Beurteilen Sie für jeden Pfad, ob er ein Hintertürpfad ist (Hintertürpfade haben einen Pfeil, der zur UV führt).
- Wenn es geöffnete Hintertürpfade gibt, prüfen Sie, welche Variablen man kontrollieren muss, um den Pfad zu schließen (falls möglich).
14.5 Schließen Sie die Hintertür (wenn möglich)!
14.5.1 Hintertür: ja oder nein?
14.5.1.1 Fall 1: x->
\(\boxed{X \rightarrow}\)
Alle Pfade, die von der UV (X) wegführen, sind entweder “gute” Kausalpfade oder automatisch geblockte Nicht-Kausal-Pfade. In diesem Fall müssen wir nichts tun. Denken Sie daran, dass Sie keine Nachkommen der UV kontrollieren dürfen, da das den Kausalpfad von der UV zur AV blockieren könnte.
14.5.1.2 Fall 2: ->x
\(\boxed{\rightarrow X}\)
Alle Pfade, die zur UV hinführen, sind immer Nicht-Kausal-Pfade, Hintertüren. Diese Pfade können offen sein, dann müssen wir sie schließen. Sie können auch geschlossen sein, dann müssen wir nichts tun.
Schließen Sie immer offene Hintertüren, um Verzerrungen der Kausaleffekte zu verhindern. \(\square\)
14.5.2 bsp1
UV: \(X\), AV: \(Y\), drei Kovariaten (A, B, C) und ein ungemessene Variable, U
Es gibt zwei Hintertürpfade in Abbildung 14.16:
- \(X \leftarrow U \leftarrow A \rightarrow C \rightarrow Y\), offen
- \(X \leftarrow U \rightarrow B \leftarrow C \rightarrow Y\), geschlossen
Kontrollieren von \(A\) oder (auch) \(C\) schließt die offene Hintertür.
14.5.3 Schließen Sie die Hintertür (wenn möglich)!, bsp2
S. DAG in Abbildung 14.17: UV: \(W\), AV: \(D\)
Kontrollieren Sie diese Variablen, um die offenen Hintertüren zu schließen:
- entweder \(A\) und \(M\)
- oder \(S\)
Details finden sich bei McElreath (2020) oder Kurz (2021), S. 188.
14.5.4 Implizierte bedingte Unabhängigkeiten von bsp2
Auch wenn die Daten nicht sagen können, welcher DAG der richtige ist, können wir zumindest lernen, welcher DAG falsch ist. Die vom Modell implizierten bedingten Unabhängigkeiten geben uns Möglichkeiten, zu prüfen, ob wir einen DAG verwerfen (ausschließen) können. Bedingte Unabhängigkeit zwischen zwei Variablen sind Variablen, die nicht assoziiert (also stochastisch unabhängig) sind, wenn wir eine bestimmte Menge an Drittvariablen kontrollieren.
bsp2 impliziert folgende bedingte Unabhängigkeiten:
## A _||_ W | S
## D _||_ S | A, M, W
## M _||_ W | S
14.6 Fazit
14.6.1 Ausstieg
📺 Musterlösung für eine DAG-Prüfungsaufgabe
📺 Musterlösung für schwierige DAG-Prüfungsaufgaben
Beispiel 14.2 (PMI zum heutigen Stoff) Der Kreativitätsforscher Edward de Bono hat verschiedene “Denkmethoden” vorgestellt, die helfen sollen, Probleme besser zu lösen. Eine Methode ist die “PMI-Methode”. PMI steht für Plus, Minus, Interessant. Bei Plus und Minus soll man eine Bewertung von Positiven bzw. Negativen bzgl. eines Sachverhaltes anführen. Bei Interessant verzichtet man aber explizit auf eine Bewertung (im Sinne von “gut” oder “schlecht”) und fokussiert sich auf Interessantes, Überraschendes, Bemerkenswertes.
Führen Sie die PMI-Methode zum heutigen Stoff durch!
- Plus: Was fanden Sie am heutigen Stoff gut, sinnvoll, nützlich? Warum?
- Minus: Was finden Sie am heutigen Stoff nicht gut, sinnvoll, nützlich? Warum?
- Interessant: Was finden Sie am heutigen Stoff bemerkenswert, interessant, nachdenkenswert? Warum?
Reichen Sie die Antworten an der von der Lehrkraft angezeigten Stelle ein! \(\square\)
14.6.2 Zusammenfassung
Wie (und sogar ob) Sie statistische Ergebnisse (z.B. eines Regressionsmodells) interpretieren können, hängt von der epistemologischen Zielrichtung der Forschungsfrage ab:
- Bei deskriptiven Forschungsfragen können die Ergebnisse (z.B. Regressionskoeffizienten) direkt interpretiert werden. Z.B. “Der Unterschied zwischen beiden Gruppen beträgt etwa …”. Allerdings ist eine kausale Interpretation nicht zulässig.
- Bei prognostischen Fragestellungen (Vorhersagen) spielen die Modellkoeffizienten keine Rolle, stattdessen geht es um vorhergesagten Werte, \(\hat{y}_i\), z.B. auf Basis der PPV. Kausalaussagen sind zwar nicht möglich, aber auch nicht von Interesse.
- Bei kausalen Forschungsfragen dürfen die Modellkoeffizienten nur auf Basis eines Kausalmodells (DAG) oder eines (gut gemachten) Experiments interpretiert werden.
Modellkoeffizienten ändern sich (oft), wenn man Prädiktoren zum Modell hinzufügt oder wegnimmt. Entgegen der verbreiteten Annahme ist es falsch, möglichst viele Prädiktoren in das Modell aufzunehmen, wenn das Ziel eine Kausalaussage ist. Kenntnis der “kausalen Atome” ist Voraussetzung zur Ableitung von Kausalschlüsse in Beobachtungsstudien.
14.6.3 Vertiefung
An weiterführender Literatur sei z.B. Cummiskey et al. (2020), Lübke et al. (2020), Pearl et al. (2016) und Dablander (2020) empfohlen. Ein gutes Lehrbuch, das auf Kausalinferenz eingeht, ist Huntington-Klein (2022). Praktischerweise ist es öffentlich lesbar11. Das Web-Buch Causal Inference for the Brave and True12 sieht auch vielversprechend aus. Es gibt viel Literatur zu dem Thema; relevante Suchterme sind z.B. “DAG”, “causal” oder “causal inference”.
14.7 Aufgaben
14.7.1 Papier-und-Bleistift-Aufgaben
14.7.2 Quiz-Aufgaben
Hier finden Sie Single-Choice-Aufgaben zu diesem Kapitel. Wählen Sie eine Antwort aus und klicken Sie auf das Häkchen, um sie zu überprüfen; über das Fragezeichen erhalten Sie die ausführliche Lösung.
Eine Kollision (Collider) liegt vor, wenn eine Variable die gemeinsame Wirkung zweier Ursachen ist (z.B. date als gemeinsame Wirkung von Schönheit und Talent). Welche Aussage zum Umgang mit einer solchen Kollisionsvariable ist korrekt?
Das Kapitel zeigt am Beispiel Schönheit/Talent/date: Ohne Kontrolle von date sind Schönheit und Talent (in den Daten) unkorreliert; kontrolliert (stratifiziert) man aber nach date, entsteht eine Scheinkorrelation zwischen den beiden Ursachen. Deshalb gilt die Faustregel: “Kontrollieren Sie keine Kollisionsvariablen.” Die erste Option ist korrekt.
Warum die Distraktoren falsch sind:
Die zweite Option kehrt die im Kapitel gegebene Empfehlung um: Gerade das Kontrollieren einer Kollisionsvariable erzeugt die Scheinkorrelation, nicht das Unterlassen.
Die dritte Option ist falsch: Ohne Kontrolle der Kollisionsvariable entsteht laut Kapitel explizit keine Scheinkorrelation zwischen den Ursachen – der Pfad über die Kollisionsvariable ist dann blockiert.
Die vierte Option ist falsch: Bei Konfundierung ist die Empfehlung genau entgegengesetzt – dort sollte man die Konfundierungsvariable kontrollieren, um eine Scheinkorrelation aufzulösen, während man bei einer Kollision genau das Gegenteil tun sollte.
Die fünfte Option beschreibt das Gegenteil des im Kapitel demonstrierten Effekts: Kontrollieren erzeugt hier die Scheinkorrelation, es lässt sie nicht verschwinden.
Falsch
Falsch
Falsch
Wahr
Falsch
Im Kapitel wird ein simuliertes Beispiel gezeigt, in dem IQ und Fleiß in der Gesamtpopulation unabhängig voneinander sind (eignung = 1/2*iq + 1/2*fleiss + glueck, studium = 1 falls eignung > 0). Betrachtet man aber nur die Studierenden (studium == 1), findet man einen negativen Zusammenhang zwischen IQ und Fleiß (“Fleiß macht blöd”). Wie erklärt das Kapitel diesen Befund?
Da studium von beiden Variablen (iq und fleiss) gemeinsam verursacht wird (über eignung), ist studium eine Kollisionsvariable. Beschränkt man die Analyse auf nur eine Ausprägung von studium (nämlich studium == 1), entspricht das einer Stratifizierung nach dieser Kollisionsvariable – genau das erzeugt die (irreführende) negative Scheinkorrelation zwischen iq und fleiss, obwohl beide in der Gesamtpopulation unabhängig sind. Die erste Option ist korrekt.
Warum die Distraktoren falsch sind:
Die zweite Option widerspricht der Simulation direkt:
iqundfleisswurden dort explizit unabhängig voneinander generiert (rnorm); der negative Zusammenhang tritt nur in der Teilgruppe der Studierenden auf, nicht in der Gesamtpopulation.Die dritte Option ist falsch: Der Effekt ist kein Simulationsfehler, sondern ein reproduzierbares, statistisch erklärbares Phänomen (Kollisionsverzerrung durch implizite Stratifizierung nach
studium).Die vierte Option verwechselt Kollision mit Konfundierung: Bei einer Kollisionsvariable ist die Handlungsempfehlung gerade entgegengesetzt – man sollte sie nicht kontrollieren (bzw. die Stichprobe nicht danach einschränken), wenn man den wahren Zusammenhang sehen möchte.
Die fünfte Option zieht einen unzulässigen Kausalschluss aus einer reinen Scheinkorrelation – gerade das Kapitel warnt davor, eine solche (durch Kollisionsverzerrung entstandene) Assoziation kausal zu interpretieren.
Falsch
Falsch
Falsch
Falsch
Wahr
Gegeben sei eine Mediationsstruktur \(x \rightarrow m \rightarrow y\), wobei \(m\) der Mediator ist. Man ist am totalen kausalen Effekt von \(x\) auf \(y\) interessiert. Sollte man den Mediator \(m\) in der Regression kontrollieren?
Das Kapitel stellt klar: “Das Kontrollieren eines Mediators ist ein Fehler, wenn man am gesamten (totalen) Kausaleffekt von UV zu AV interessiert ist.” Anders als bei einem Konfundierer oder Kollider handelt es sich beim Pfad über den Mediator um einen echten Kausalpfad, keine Scheinkorrelation – kontrolliert man den Mediator, “blockt” man genau diesen echten Effekt. Die erste Option ist korrekt.
Warum die Distraktoren falsch sind:
Die zweite Option kehrt die Empfehlung des Kapitels um: “Kontrollieren Sie den Mediator nicht. Der Pfad über den Mediator ist ein ‘echter’ Kausalpfad, keine Scheinkorrelation.”
Die dritte Option ist falsch: Das Kontrollieren des Mediators verändert den geschätzten Effekt erheblich – der (ohnehin schon geschlossene) indirekte Pfad wird dadurch blockiert, sodass nur noch ein etwaiger direkter Effekt (falls vorhanden) übrig bleibt, nicht der totale Effekt.
Die vierte Option verwechselt die kausale Rolle von Mediator und Konfundierer: Ein Mediator liegt auf dem Kausalpfad zwischen UV und AV, ein Konfundierer wirkt hingegen gemeinsam als Ursache auf UV und AV – beide erfordern unterschiedliche Handlungsempfehlungen.
Die fünfte Option nennt ein im Kapitel nicht getroffenes, sachlich unbegründetes Unterscheidungskriterium (Skalenniveau des Mediators) – die Empfehlung, Mediatoren nicht zu kontrollieren, gilt unabhängig vom Skalenniveau.
Falsch
Falsch
Falsch
Wahr
Falsch
Ein Nachfahre ist eine Variable, die kausal von einer anderen Variable im DAG beeinflusst wird (z.B. wenn eine Kollisionsvariable \(m\) ihrerseits eine Wirkung \(d\) hat: \(x\rightarrow m \leftarrow y\), \(m\rightarrow d\)). Welche Aussage zum Kontrollieren eines Nachfahren \(d\) ist korrekt?
Das Kapitel erläutert: “Kontrolliert man einen Nachfahren d, so kontrolliert man damit zum Teil den Vorfahren (die Ursache), m. Der Grund ist, dass d Information beinhaltet über m.” Ist m dabei eine Kollisionsvariable, kann das (teilweise) Kontrollieren über den Nachfahren d denselben Verzerrungseffekt erzeugen wie das direkte Kontrollieren von m. Die erste Option ist korrekt.
Warum die Distraktoren falsch sind:
Die zweite Option widerspricht der Definition direkt: Ein Nachfahre enthält per Definition (kausal bedingt) Information über seinen Vorfahren – deshalb hat das Kontrollieren eines Nachfahren eben doch einen (wenn auch abgeschwächten) Effekt auf die Analyse.
Die dritte Option ist eine unzulässige pauschale Regel: Ob das Kontrollieren eines Nachfahren schädlich oder unproblematisch ist, hängt von der Rolle seines Vorfahren im DAG ab (z.B. ob dieser ein Kollider ist) – eine pauschale “immer kontrollieren”-Regel gibt das Kapitel nicht vor.
Die vierte Option verwechselt zwei unterschiedliche der “vier Atome”: Ein Mediator liegt auf dem Kausalpfad zwischen UV und AV, ein Nachfahre ist hingegen eine Variable, die von einer anderen (z.B. einer Kollisions-)Variable abstammt – beide haben unterschiedliche Implikationen.
Die fünfte Option ist falsch: Da der Nachfahre Information über seinen Vorfahren trägt, wirkt sich das Kontrollieren des Nachfahren indirekt auch auf die Pfade aus, die über den Vorfahren laufen (z.B. das teilweise Öffnen eines Kollisionspfads).
Falsch
Falsch
Wahr
Falsch
Falsch
Das Kapitel benennt vier “Atome” der Kausalanalyse, aus denen sich jeder beliebige DAG zusammensetzt. Welche Zuordnung von Atom und der zugehörigen Handlungsempfehlung (kontrollieren oder nicht) ist korrekt?
Die vier Atome und ihre grundsätzlichen Handlungsempfehlungen: Bei Konfundierung (gemeinsame Ursache von UV und AV) sollte man kontrollieren, um die dadurch entstehende Scheinkorrelation aufzulösen. Bei Kollision (gemeinsame Wirkung) sollte man nicht kontrollieren, da dies erst eine Scheinkorrelation erzeugt. Bei Mediation sollte man den Mediator nicht kontrollieren, wenn der totale Effekt von Interesse ist. Bei einem Nachfahren hängt die richtige Vorgehensweise von der Rolle des zugehörigen Vorfahren ab (z.B. Kollider oder nicht). Die erste Option ist korrekt.
Warum die Distraktoren falsch sind:
Die zweite Option ignoriert die zentralen Unterschiede zwischen den vier Atomen: Insbesondere bei Kollision und Mediation ist Kontrollieren gerade nicht angebracht (jeweils aus unterschiedlichen Gründen), im Gegensatz zur Konfundierung.
Die dritte Option vertauscht die Zuordnung: Konfundierung erfordert gerade Kontrollieren, nicht “nicht kontrollieren” – die Aussage ist also für Konfundierung falsch zugeordnet.
Die vierte Option widerspricht dem Kapitel direkt, das ausdrücklich “die vier Atome der Kausalinferenz” (Konfundierung, Kollision, Mediation, Nachfahre) als vollständige Grundbausteine benennt.
Die fünfte Option verwechselt zwei grundlegend unterschiedliche Strukturen: Bei Konfundierung ist die Drittvariable gemeinsame Ursache von UV und AV, bei Mediation liegt die Drittvariable hingegen zwischen UV und AV auf dem Kausalpfad.
Wahr
Falsch
Falsch
Falsch
Falsch
Was versteht das Kapitel unter einer “Hintertür” (backdoor) zwischen UV und AV, und welche Rolle spielt die Pfeilrichtung dabei?
Laut Definition im Kapitel ist eine Hintertür “ein nicht-kausaler Pfad zwischen einer UV und einer AV”, der die Schätzung verzerrt, wenn er nicht kontrolliert wird. Die entscheidende Regel zur Erkennung: Pfade, die von der UV wegführen (\(X\rightarrow\)), sind entweder echte Kausalpfade oder ohnehin automatisch blockiert und erfordern kein Eingreifen; Pfade, die zur UV hinführen (\(\rightarrow X\)), sind hingegen immer Hintertüren, die ggf. geschlossen werden müssen. Die erste Option ist korrekt.
Warum die Distraktoren falsch sind:
Die zweite Option ist zu unspezifisch: Nicht jeder Pfad ist automatisch eine Hintertür – entscheidend ist gerade die Pfeilrichtung in Bezug auf die UV, wie im Kapitel explizit unterschieden wird (Fall 1: \(X\rightarrow\) vs. Fall 2: \(\rightarrow X\)).
Die dritte Option beschreibt keine sinnvolle, im Kapitel definierte Bedingung – eine Hintertür entsteht durch einen alternativen, nicht-kausalen Pfad zwischen UV und AV, nicht durch einen direkten Effekt der AV auf die UV (was ohnehin einem azyklischen DAG widersprechen würde).
Die vierte Option ist falsch: Das gesamte Kapitel demonstriert das Konzept der Hintertür gerade an Beobachtungsstudien (Saratoga-Hauspreise) – bei gut durchgeführten Experimenten wird die Hintertür durch Randomisierung von vornherein geschlossen.
Die fünfte Option widerspricht der zentralen Warnung des Kapitels: Hintertüren können durchaus offen sein und müssen dann aktiv geschlossen werden (z.B. durch Kontrolle eines Konfundierers) – sie sind nicht automatisch immer blockiert.
Falsch
Falsch
Falsch
Wahr
Falsch
Im “Gespenster-DAG” (Großeltern \(G\), Eltern \(E\), Kinder \(K\), plus eine ungemessene Variable \(U\), z.B. Nachbarschaft, mit \(U\rightarrow E\) und \(U\rightarrow K\)) ist \(E\) eine Kollisionsvariable auf dem Pfad zwischen \(G\) und \(U\). Warum bezeichnet das Kapitel diesen DAG als “unheilbar”?
Das Kapitel erläutert: “E ist sowohl für G als auch für U eine Wirkung, also eine Kollisionsvariable auf diesem Pfad. Wenn wir E kontrollieren, wird es den Pfad \(G\rightarrow K\) verzerren, auch wenn wir niemals U messen.” Man steckt also in einem Dilemma: Kontrolliert man \(E\) nicht, bleibt eine Konfundierung bestehen; kontrolliert man \(E\), öffnet man über die (unbeobachtete) Kollisionsvariable eine neue Verzerrung, die man mangels Messung von \(U\) nicht mehr schließen kann. Die erste Option ist korrekt.
Warum die Distraktoren falsch sind:
Die zweite Option ist falsch: Azyklizität ist eine grundlegende Eigenschaft aller DAGs (siehe Definition von DAG im vorherigen Kapitel), nicht die spezifische Ursache für die Unlösbarkeit gerade dieses Beispiels.
Die dritte Option nennt einen im Kapitel nicht erwähnten Grund: Das Problem des Gespenster-DAGs ist ein strukturelles (durch die kausale Struktur bedingtes) Identifikationsproblem, keine Frage der Stichprobengröße – auch mit unendlich vielen Daten ließe sich der Effekt nicht sauber isolieren.
Die vierte Option widerspricht der Prämisse: \(U\) ist per Definition eine ungemessene (unbekannte) Variable – man kann eine Variable, die man nicht beobachtet hat, nicht in ein Regressionsmodell aufnehmen.
Die fünfte Option beschreibt keinen im Kapitel genannten Grund und ist sachlich unbegründet – das Fehlen eines direkten Pfeils zwischen zwei bestimmten Variablen macht einen DAG nicht per se “unheilbar”.
Falsch
Falsch
Falsch
Falsch
Wahr
Im DAG-Beispiel bsp1 (UV: \(X\), AV: \(Y\), Kovariaten \(A\), \(B\), \(C\), ungemessene Variable \(U\); mit \(C\rightarrow B\), \(U\rightarrow B\), \(A\rightarrow C\), \(A\rightarrow U\), \(U\rightarrow X\), \(C\rightarrow Y\), \(X\rightarrow Y\)) gibt es zwei Hintertürpfade: \(X\leftarrow U\leftarrow A\rightarrow C\rightarrow Y\) (offen) und \(X\leftarrow U\rightarrow B\leftarrow C\rightarrow Y\) (bereits geschlossen, da \(B\) eine Kollisionsvariable auf diesem Pfad ist). Welche Variable(n) muss man kontrollieren, um die offene Hintertür zu schließen?
Der offene Hintertürpfad \(X\leftarrow U\leftarrow A\rightarrow C\rightarrow Y\) lässt sich blockieren, indem man eine der auf diesem Pfad liegenden Nicht-Kollisions-Variablen kontrolliert – hier bieten sich \(A\) oder \(C\) an (beide liegen auf dem Pfad und sind dort keine Kollisionsvariablen). Die zweite Hintertür (\(X\leftarrow U\rightarrow B\leftarrow C\rightarrow Y\)) ist bereits automatisch geschlossen, da \(B\) dort eine Kollisionsvariable ist. Die erste Option ist korrekt.
Warum die Distraktoren falsch sind:
Die zweite Option verwechselt die beiden Pfade: \(B\) liegt zwar auf dem bereits geschlossenen Pfad, aber als Kollisionsvariable – würde man \(B\) kontrollieren, würde man diesen eigentlich geschlossenen Pfad erst öffnen und damit eine neue Verzerrung erzeugen, statt eine bestehende zu schließen.
Die dritte Option ist nicht umsetzbar: \(U\) ist per Annahme ungemessen und kann daher gar nicht als Prädiktor in ein Modell aufgenommen (kontrolliert) werden.
Die vierte Option ergibt keinen Sinn im Rahmen der Hintertür-Logik: Man kontrolliert Drittvariablen, um Hintertürpfade zur UV zu schließen – die UV selbst zu “kontrollieren” ist kein sinnvolles Konzept in diesem Zusammenhang.
Die fünfte Option ignoriert, dass explizit ein Hintertürpfad (\(X\leftarrow U\leftarrow A\rightarrow C\rightarrow Y\)) als offen beschrieben wird – dieser muss also aktiv geschlossen werden, ist nicht automatisch schon blockiert.
Falsch
Falsch
Falsch
Wahr
Falsch
Im DAG-Beispiel bsp2 (UV: \(W\), AV: \(D\)) gelten folgende Kausalpfeile: \(S\rightarrow A\), \(S\rightarrow M\), \(S\rightarrow W\), \(A\rightarrow D\), \(A\rightarrow M\), \(M\rightarrow D\), \(W\rightarrow D\). Welche Variable(n) muss man mindestens kontrollieren, um alle offenen Hintertüren zwischen \(W\) und \(D\) zu schließen?
Von \(W\) nach \(D\) führt der direkte Kausalpfad \(W\rightarrow D\) sowie drei Hintertürpfade, die alle bei \(S\) beginnen: \(W\leftarrow S\rightarrow A\rightarrow D\), \(W\leftarrow S\rightarrow A\rightarrow M\rightarrow D\) und \(W\leftarrow S\rightarrow M\rightarrow D\). Kontrolliert man \(S\), wird der Ursprung aller drei Pfade blockiert, alle Hintertüren schließen sich gleichzeitig. Alternativ kann man \(S\) selbst unkontrolliert lassen und stattdessen \(A\) und \(M\) kontrollieren: Der erste Pfad wird durch \(A\) blockiert, der zweite durch \(A\) oder \(M\), der dritte durch \(M\) – zusammen schließen \(A\) und \(M\) also ebenfalls alle drei Hintertüren. Die erste Option ist korrekt.
Warum die Distraktoren falsch sind:
Die zweite Option übersieht den dritten Pfad \(W\leftarrow S\rightarrow M\rightarrow D\), der nicht über \(A\) verläuft – dieser bliebe bei alleiniger Kontrolle von \(A\) offen.
Die dritte Option ist unnötig streng: Wie gezeigt reicht bereits \(S\) allein (eine einzige Variable), um alle Hintertüren zu schließen; die Kontrolle aller vier Variablen ist nicht erforderlich.
Die vierte Option widerspricht der zentralen Lehre des Kapitels zur Hintertür: Konfundierende (Hintertür-)Pfade müssen gerade geschlossen werden, um den kausalen Effekt unverzerrt zu schätzen – das Kontrollieren von Nicht-Kollisionsvariablen auf einem Hintertürpfad erzeugt keine neue Scheinkorrelation, sondern beseitigt eine bestehende Verzerrung.
Die fünfte Option beruht auf einem Missverständnis: Man kontrolliert Drittvariablen auf den Pfaden zwischen UV und AV, nicht die AV selbst – die AV zu kontrollieren ergibt im Rahmen der Hintertür-Analyse keinen Sinn.
Wahr
Falsch
Falsch
Falsch
Falsch
Das Kapitel unterscheidet drei “epistemologische Zielrichtungen” einer Forschungsfrage: deskriptiv, prognostisch und kausal. Welche Zuordnung ist korrekt?
Laut Kapitel: Bei deskriptiven Fragen sind die Koeffizienten direkt interpretierbar, aber ohne kausale Deutung. Bei prognostischen Fragen (Vorhersage) spielen die Koeffizienten selbst keine große Rolle – entscheidend sind die vorhergesagten Werte \(\hat{y}_i\) (z.B. auf Basis der PPV); Kausalaussagen sind hier weder möglich noch von Interesse. Bei kausalen Fragen dürfen die Koeffizienten nur unter Rückgriff auf ein Kausalmodell (DAG) oder ein sauber durchgeführtes Experiment interpretiert werden. Die erste Option ist korrekt.
Warum die Distraktoren falsch sind:
Die zweite Option widerspricht der zentralen Botschaft des gesamten Kapitels: Gerade bei deskriptiven und prognostischen Fragen ist eine automatische kausale Interpretation nicht zulässig.
Die dritte Option vertauscht die Anforderungen: Laut Kapitel benötigen gerade kausale (nicht prognostische) Fragestellungen ein Kausalmodell – bei rein prognostischen Fragen sind Kausalaussagen weder nötig noch von Interesse.
Die vierte Option ist eine im Kapitel nicht getroffene, abwertende Fehlcharakterisierung – deskriptive Forschungsfragen sind vollkommen legitim, solange man ihre Ergebnisse nicht fälschlich kausal interpretiert.
Die fünfte Option widerspricht der zentralen Warnung des gesamten Kapitels (und des vorherigen Kapitels zur Konfundierung): Statistische Modellierung allein reicht gerade nicht aus, um Kausaleffekte zu identifizieren – dafür ist zusätzlich Kenntnis des (korrekten) Kausalmodells nötig.
Falsch
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Wahr
Ein DAG (z.B. bsp2) impliziert bestimmte bedingte Unabhängigkeiten zwischen Variablen, die man z.B. mit impliedConditionalIndependencies() aus dem R-Paket dagitty auflisten kann. Wozu ist das nützlich, wenn man doch (laut Kapitel) allein aus den Daten nicht bestimmen kann, welcher DAG der “richtige” ist?
Das Kapitel stellt fest: “Auch wenn die Daten nicht sagen können, welcher DAG der richtige ist, können wir zumindest lernen, welcher DAG falsch ist. Die vom Modell implizierten bedingten Unabhängigkeiten geben uns Möglichkeiten, zu prüfen, ob wir einen DAG verwerfen (ausschließen) können.” Man kann DAGs also nicht endgültig bestätigen, aber durchaus falsifizieren, wenn die Daten einer implizierten Unabhängigkeit widersprechen (ganz im Sinne von Poppers Falsifikationsprinzip aus einem früheren Kapitel). Die erste Option ist korrekt.
Warum die Distraktoren falsch sind:
Die zweite Option widerspricht dem praktischen Nutzen, den das Kapitel explizit demonstriert (Berechnung und Prüfung der implizierten Unabhängigkeiten mit
dagitty) – es handelt sich um ein konkretes, anwendbares Prüfverfahren.Die dritte Option überzeichnet die Möglichkeiten: Wie bei der DAG-Äquivalenzklasse gezeigt, können mehrere unterschiedliche DAGs dieselben Unabhängigkeitsimplikationen haben – ein “Bestehen” des Tests beweist also nicht, dass genau dieser DAG der einzig richtige ist, sondern nur, dass er nicht widerlegt wurde.
Die vierte Option ist falsch: Implizierte (bedingte) Unabhängigkeiten sind gerade Aussagen über beobachtbare statistische (Un-)Abhängigkeiten (z.B. Korrelationen nahe Null unter bestimmten Kontrollbedingungen), die man direkt an den Daten überprüfen kann.
Die fünfte Option verwechselt die implizierten Unabhängigkeiten (eine feste, aus der Struktur des DAGs ableitbare Eigenschaft) mit den tatsächlich in einer konkreten Stichprobe beobachteten Werten – Letztere können zwar variieren, die vom DAG implizierten (theoretischen) Unabhängigkeiten selbst ändern sich aber nicht von Stichprobe zu Stichprobe.
Falsch
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Wahr
Falsch
14.8 —
https://vincentarelbundock.github.io/Rdatasets/csv/mosaicData/SaratogaHouses.csv↩︎
https://vincentarelbundock.github.io/Rdatasets/doc/mosaicData/SaratogaHouses.html↩︎
https://twitter.com/TheTweetOfGod/status/1462594155176026123↩︎
Don muss reich sein.↩︎
Super, Don!↩︎
Der horizontale Balken “|” bedeutet “gegeben, dass”. Ein Beispiel lautet \(Pr(A|B)\): “Die Wahrscheinlichkeit von A, gegeben dass B der Fall ist.↩︎
engl. randomized, controlled trial, RCT↩︎
Nein, durch das Kontrollieren von
mwird der Kausalpfad vonxzuygeschlossen. Es kann keine kausale Assoziation vonxaufymehr “fließen”.↩︎beeinflussen ist grundsätzlich kausal zu verstehen↩︎
https://bookdown.org/content/4857/the-haunted-dag-the-causal-terror.html#backdoor-waffles↩︎
https://matheusfacure.github.io/python-causality-handbook/landing-page.html↩︎


















