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Fallbeispiele

Sebastian Sauer

Taxonomie von Forschungsfragen

Lernziele

Nach diesem Kapitel können Sie …

  • typische, deskriptive Forschungsfragen als Regression spezifizieren
  • Forschungsfragen in Regressionsterme übersetzen
  • typische Forschungsfragen mit stan_glm auswerten

Orientiert an McElreath (2020) (Kap. 4.4) sowie Gelman et al. (2021) (Kap. 7, 10).

Nomenklatur

Skalenniveaus der beteiligten Variablen:

  • y: metrische AV
  • g: Gruppierungsvariable (nominal, mehrstufig)
  • b: binäre UV
  • x: metrische UV
  • u: ungemessene (unbekannte) Variable

Für jede Forschungsfrage: Beispiel, Modellformel, Kausalgraph, Auswertung.

Datensätze

  • kidiq: IQ von Kindern, Schulabschluss und IQ der Mutter (R-Paket rstanarm)
  • penguins: Körpermaße dreier Pinguinarten (R-Paket palmerpenguins)

Definition: Skalenniveaus

Um Forschungsfragen zu klassifizieren, muss man wissen, welches Skalenniveau AV und UV(s) haben.

Fallbeispiel 1: y ~ b

Binäre UV — Schulabschluss der Mutter

Forschungsfrage

Hintergrund: Eine Schulpsychologin sucht “Risikofaktoren” für geringere Intelligenz von Kindern.

Ist der mittlere IQ-Wert von Kindern, deren Mutter über einen Schulabschluss verfügt (mom_hs = 1), höher als bei Kindern ohne diesen Hintergrund (mom_hs = 0)? (ceteris paribus)

Modellformel: kid_score ~ mom_hs

Hypothesen

Hypothese für ungleiche Mittelwerte

\[H_A: \mu_{x=1} \gt \mu_{x=0}\]

  • \(H_0: \mu_{x=1} = \mu_{x=0}\)
  • ROPE-Hypothese (5 IQ-Punkte als Bagatellgrenze): \(H_{ROPE}: \mu_{x=1} > \mu_{x=0} + 5\)

Kausalgraph

flowchart LR
  mom_hs --> kid_score
  u --> kid_score

y hat laut Modell zwei Ursachen: mom_hs und u (unbekannt/sonstige Einflüsse).

Modell m10.1

stan_glm(kid_score ~ mom_hs, data = kidiq)

\[\begin{aligned} \text{kid score}_i &\sim \operatorname{Normal}(\mu_i, \sigma) && \text{Likelihood} \\ \mu_i &= \beta_0 + \beta_1 \cdot \text{mom hs}_i && \text{Lineares Modell} \\ \beta_0 &\sim \operatorname{Normal}(87, 51) && \text{Prior Achsenabschnitt} \\ \beta_1 &\sim \operatorname{Normal}(0, 124) && \text{Prior Regressionsgewicht} \\ \sigma &\sim \operatorname{Exp}(0.049) && \text{Prior Vorhersagegüte} \end{aligned}\]

Ergebnis m10.1

kid_score = 78 + 12*mom_hs + error

  • Achsenabschnitt (\(\beta_0 = 78\)): geschätzter IQ bei mom_hs = 0
  • Regressionsgewicht (\(\beta_1 = 12\)): Unterschied im IQ zwischen den Gruppen
  • error: Vorhersagefehler (\(y - \hat{y}\))

Gruppenmittelwerte unterscheiden sich um ca. 12 Punkte (89.4 vs. 77.6).

Visualisierung

Kinder von Müttern mit Schulabschluss haben im Mittel einen höheren IQ-Wert laut m10.1

Kinder von Müttern mit Schulabschluss haben im Mittel einen höheren IQ-Wert laut m10.1

ROPE-Verfahren

Prüfung mit rope(m10.1, range = c(-5, 5)): 0 % Überlappung von ROPE und 95 %-HDI.

Fazit: Praktisch-Null-Hypothese wird verworfen.

Der Bereich plausibler Werte liegt komplett außerhalb des ROPE-Bereichs

Der Bereich plausibler Werte liegt komplett außerhalb des ROPE-Bereichs

95 %-PI und Fazit

Mit 95 % Wahrscheinlichkeit liegt der Unterschied im mittleren IQ zwischen 7 und 16 Punkten: \(95\%PI: [7,16]\).

Wichtig

Korrelation ungleich Kausation. Ein Kausaleffekt braucht mehr Fundierung als eine einfache Assoziation — etwa Theorie oder bestehende Studien.

Alternative (frequentistisch): der t-Test — führt zu ähnlichem Ergebnis wie y ~ b.

Fallbeispiel 2: y ~ x + b

Metrische und binäre UV gemeinsam

Forschungsfrage

Wie stark ist der statistische Effekt von Schulabschluss der Mutter (mom_hs) und IQ der Mutter (mom_iq) auf den IQ des Kindes?

Modellformel: kid_score ~ mom_iq + mom_hs

Hypothesen: \(\beta_{momhs} > 0\) und \(\beta_{momiq} > 0\)

Kausalgraph

flowchart LR
  mom_hs --> kid_score
  mom_iq --> kid_score
  u --> kid_score

Modell m10.3

stan_glm(kid_score ~ mom_iq + mom_hs, data = kidiq)

kid_score = 26 + 0.6*mom_iq + 6*mom_hs + error

Effekt von mütterlicher Intelligenz und mütterlichem Schulabschluss

Effekt von mütterlicher Intelligenz und mütterlichem Schulabschluss

Interpretation m10.3

  • Achsenabschnitt: IQ-Schätzung für IQ-Mutter = 0, ohne Abschluss (26 — nicht sinnvoll interpretierbar)
  • mom_hs: Unterschied von 6 Punkten bei gleichem mütterlichem IQ
  • mom_iq: 0.6 Punkte Unterschied pro IQ-Punkt der Mutter, bei gleichem Schulabschluss

95 %-ETI schließt für beide UV die Null aus — Nulleffekt wird abgelehnt.

Fallbeispiel 3: Interaktion

y ~ x + b + x:b

Forschungsfrage

Gibt es einen Interaktionseffekt zwischen mütterlichem Schulabschluss und mütterlichem IQ?

Wichtig

Liegt eine Interaktion vor, unterscheidet sich die Steigung der Geraden zwischen den Gruppen. Liegt keine Interaktion vor, sind die Geraden parallel.

Modell m10.4: kid_score ~ mom_iq + mom_hs + mom_hs:mom_iq

Modellgleichung

\[\text{kid score} = \beta_0 + \beta_1 \cdot \text{mom hs} + \beta_2 \cdot \text{mom iq} + \beta_3 \cdot \text{mom hs} \cdot \text{mom iq}\]

\(\beta_3\) = Stärke des Interaktionseffekts (Unterschied der Steigungen).

Visualisierung m10.4

Modell mit Interaktionseffekt — der Achsenabschnitt ist kaum interpretierbar (unzentrierte Prädiktoren)

Modell mit Interaktionseffekt — der Achsenabschnitt ist kaum interpretierbar (unzentrierte Prädiktoren)

Alle drei Effekte (IQ, Schulabschluss, Interaktion) schließen die Null aus.

Fallbeispiel 4: Zentrierung

y ~ x_c + b + x_c:b

Zentrieren

Definition: Zentrieren

Zentrieren (centering) bedeutet, die Differenz eines Messwerts zu seinem Mittelwert zu bilden: mom_iq_c = mom_iq - mean(mom_iq). Zentrierte Werte machen den Achsenabschnitt einfacher interpretierbar.

Modell m10.5: kid_score ~ mom_hs + mom_iq_c + mom_hs:mom_iq_c

Interpretation m10.5

  • Achsenabschnitt: mittlerer IQ des Kindes bei Mutter mittlerer Intelligenz, ohne Abschluss
  • mom_hs: Unterschied bei Müttern mittlerer Intelligenz, mit/ohne Abschluss
  • mom_iq_c: Unterschied pro IQ-Punkt der Mutter, ohne Abschluss
  • Interaktion: Unterschied im Koeffizienten von mom_iq_c zwischen den Gruppen

Mit zentrierten Prädiktoren ist der Achsenabschnitt gut interpretierbar

Mit zentrierten Prädiktoren ist der Achsenabschnitt gut interpretierbar

Wichtig: Zentrieren ändert nichts an…

  • den Vorhersagen des Modells
  • der Streuung der Vorhersagen (\(\sigma\))
  • den Regressionskoeffizienten selbst

Es ändert nur die Interpretierbarkeit des Achsenabschnitts.

Wichtig

Kausalaussagen (z. B. im DAG postuliert) benötigen eine explizite Begründung aus der Literatur — sonst nicht haltbar.

Fallbeispiel 5: y ~ g

Nominale UV mit mehreren Stufen — Pinguine

Forschungsfrage

Unterscheiden sich die mittleren Körpergewichte der drei Pinguinarten (Adelie, Chinstrap, Gentoo)?

Modellformel: body_mass_g ~ species

flowchart LR
  g[species] --> y[body_mass_g]
  u --> y

Von der Nullhypothese zur besseren Frage

\(H_0: \mu_1 = \mu_2 = \ldots = \mu_k\) — dass alle Mittelwerte exakt gleich sind, ist unplausibel.

Bessere Frage:

Wie sehr unterscheiden sich die mittleren Körpergewichte zwischen den Pinguinarten?

(Frequentistisches Pendant: Varianzanalyse/ANOVA. Bayesianisch: Post-Verteilung.)

Verteilung des Gewichts

Verteilung des Körpergewichts der drei Pinguinarten

Verteilung des Körpergewichts der drei Pinguinarten

Modell m10.6

stan_glm(body_mass_g ~ species, data = penguins)

  • Referenzkategorie (Adelie, im Achsenabschnitt): mittleres Gewicht ca. 3700 g
  • Koeffizienten für Chinstrap/Gentoo: Unterschied zur Referenzgruppe

Unterschiede zur Referenzgruppe (95 %-HDI)

Unterschiede zur Referenzgruppe (95 %-HDI)

Interpretation

  • Gentoo: deutlich schwerer als Adelie (Intervall überlappt Null nicht)
  • Chinstrap: ähnlich zu Adelie (Intervall überlappt deutlich mit Null)

Fazit: nicht alle Gruppen unterscheiden sich gleichermaßen — die exakte Nullhypothese wird dennoch verworfen.

Vertiefung: Wechsel der Referenzkategorie

Vertiefung: Referenzkategorie wechseln

  • species sollte als factor kodiert werden
  • Standard: alphabetische Sortierung der Stufen
  • fct_relevel(species, "Gentoo") setzt neue Referenzkategorie

Der Wechsel der Referenzkategorie ändert nichts Wesentliches am Modell — nur welche Vergleiche direkt ablesbar sind.

Fallbeispiel 6: y ~ x1 + x2

Zwei metrische UV

Forschungsfrage

Stehen sowohl der IQ der Mutter als auch, unabhängig davon, das Alter der Mutter im Zusammenhang mit dem IQ des Kindes?

Deskriptive Forschungsfrage — keine Kausalwirkung impliziert.

Wichtig

“Effekt” klingt nach Kausalzusammenhang. Eine Regression allein ist keine hinreichende Begründung für Kausalität.

Zusammenhänge explorieren

Korrelationsmatrix als Heatmap

Korrelationsmatrix als Heatmap

Univariate vs. multiple Regression

Univariate Modelle: kid_score ~ mom_iq (m10.7), kid_score ~ mom_age (m10.8)

Zwei univariate Regressionen

Zwei univariate Regressionen

Multiples Modell m10.9

stan_glm(kid_score ~ mom_iq + mom_age, data = kidiq)

Wichtig

Regressionsgewichte im multiplen Modell unterscheiden sich (potenziell) von den univariaten Modellen — sie sind “bereinigt” um den jeweils anderen Prädiktor.

m10.9: Farbverlauf zeigt die AV in Abhängigkeit beider UV

m10.9: Farbverlauf zeigt die AV in Abhängigkeit beider UV

mom_iq erklärt sichtbar mehr Variation als mom_age.

Fallbeispiel 7: Standardisierung

y ~ x1_z + x2_z und y_z ~ x1_z + x2_z

Warum standardisieren?

Welcher Prädiktor ist “wichtiger”? Das hängt auch von der Skalierung ab — mom_iq streut stärker als mom_age.

Definition: z-Standardisierung

\[z = \frac{x - \bar{x}}{sd(x)}\] Ergebnis: Mittelwert 0, SD 1 — macht Effekte verschiedener Prädiktoren vergleichbar.

Vorteile der z-Transformation

  • Achsenabschnitt leichter interpretierbar (bezieht sich auf mittlere Ausprägung)
  • Interaktionen leichter interpretierbar
  • Prioris leichter zu definieren
  • Effektgrößen verschiedener Prädiktoren vergleichbar
  • numerisch stabiler für den Sampler

In R: standardize() aus easystats oder scale().

y_z ~ x1_z + x2_z

Modell m10.12 (AV und UV standardisiert)

stan_glm(kid_score_z ~ mom_iq_z + mom_age_z, data = kidiq_z)

  • Achsenabschnitt = Mittelwert der AV (da kid_score_z = 0 = Mittelwert)
  • Koeffizienten: Änderung der AV in SD-Einheiten pro SD-Einheit Änderung der UV

95 %PI mom_iq_z: [0.38, 0.51] — mom_age_z: [-0.02, 0.12]

Ergebnisdarstellung

95%-Intervall (ETI) für m10.12

95%-Intervall (ETI) für m10.12

Fazit: Intelligenz der Mutter ist statistisch relevant, Alter der Mutter eher nicht. \(R^2 \approx 0.2\).

Wichtig

“Statistischer Effekt” statt “Effekt” betonen — kausale Sprache nur mit Begründung (Theorie/Literatur/Experiment).

Vertiefung

Vertiefung: Regression = Korrelation bei z-Werten

Theorem: Beta-r-Zusammenhang

\[b = r \frac{sd_y}{sd_x}\] Sind X und Y z-standardisiert, sind Regressionskoeffizient und Korrelation identisch.

Residualanalyse

Zentrale Annahme: AV ist lineare Funktion der Prädiktoren, \(y = \beta_0 + \beta_1 x_1 + \beta_2 x_2 + \cdots\)

Residuum: \(e_i = y_i - \hat{y}_i\)

Residuen zeigen keinen starken Trend — gutes Zeichen für Linearität

Residuen zeigen keinen starken Trend — gutes Zeichen für Linearität

Bereinigte Koeffizienten

Multiple Regressionskoeffizienten = Regression der Residuen eines Prädiktors (nach Herausrechnen des anderen) auf die AV.

Obere Reihe: Regression der Prädiktoren untereinander. Untere Reihe: Residuen vs. AV

Obere Reihe: Regression der Prädiktoren untereinander. Untere Reihe: Residuen vs. AV

mom_iq-Residuen sind stark mit der AV assoziiert, mom_age-Residuen kaum.

Bayes vs. Frequentistisch

stan_glm() und lm() liefern bei schwach informativen Priors ähnliche Punktschätzer.

Wichtig

Numerisch ähnliche Ergebnisse, aber grundverschiedene Interpretation: Bayes-Modelle erlauben Wahrscheinlichkeitsaussagen zu Parametern, frequentistische nicht.

Fazit

Zusammenfassung und Ausblick

  • Viele Forschungsfragen lassen sich einheitlich als Regression mit metrischer AV behandeln
  • Bausteine: binäre/nominale/metrische UV, Interaktionen, Zentrierung, Standardisierung
  • Bayesianische Auswertung: Post-Verteilung, PI/HDI, ROPE statt (nur) Signifikanztests
  • Korrelation/Regression \(\neq\) Kausation — kausale Aussagen brauchen Begründung

Ausblick: Regression mit binärer AV (nächstes Kapitel).

Gelman, A., Hill, J., & Vehtari, A. (2021). Regression and Other Stories. Cambridge University Press.
McElreath, R. (2020). Statistical Rethinking: A Bayesian Course with Examples in R and Stan (2. Aufl.). Taylor and Francis, CRC Press.