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Gauss-Modelle

Sebastian Sauer

Gauss-Modelle

Ein Bayes-Modell für eine metrische Zielvariable ohne Prädiktoren.

Lernziele

Nach diesem Kapitel können Sie …

  • ein Gauss-Modell spezifizieren und mit stan_glm() in R berechnen
  • an Beispielen zeigen, wie sich eine vage bzw. informationsreiche Priori-Verteilung auf die Posteriori-Verteilung auswirkt

Orientiert an McElreath (2020), Kap. 4.1–4.3.

Wie groß sind die !Kung San?

Die Forschungsfrage

  • Volk der !Kung San (Kalahari-Wüste, südliches Afrika)
  • Frage: Wie groß sind die erwachsenen !Kung im Durchschnitt?
  • Datensatz Howell1a.csv, gefiltert auf Erwachsene (Alter ≥ 18)

Gesucht: der Populationsmittelwert der Körpergröße, \(\mu\).

Die Daten

Verteilungen der Variablen im Kung-Datensatz

Verteilungen der Variablen im Kung-Datensatz

Größe und Gewicht: recht symmetrisch/normalverteilt. Alter: rechtsschief.

Unser Gauss-Modell der !Kung

Zwei Modellparameter

  1. Mittelwert der Körpergröße in der Population, \(\mu\) → “Wie groß sind die erwachsenen !Kung im Durchschnitt?”
  2. Streuung der Körpergrößen um den Mittelwert, \(\sigma\) → “Wie unterschiedlich groß sind die erwachsenen !Kung?”

Definition

Ein Gauss-Modell nimmt an, dass die Zielvariable normalverteilt ist mit Mittelwert \(\mu\) und Streuung \(\sigma\) — beide selbst mit Priori-Verteilungen versehen.

Apriori mal Likelihood ist Post

Apriori mal Likelihood ist gleich der unstandardisierten Post-Verteilung

Apriori mal Likelihood ist gleich der unstandardisierten Post-Verteilung

Diesmal berechnet Stan die Bayesbox für uns — nicht mehr von Hand.

Priori für den Mittelwert, \(\mu\)

\[\color{blue}{\mu \sim \mathcal{N}(178, 20)} \qquad{\text{Prior}}\]

  • Mittelwert 178 cm, Streuung 20 cm
  • Warum 178? Kein besonderer Grund — dient dazu, den Effekt verschiedener Priori-Werte zu untersuchen
  • In echten Studien: Priori-Wert inhaltlich begründen (oder schwach-informative Standardwerte nutzen)

Priori für die Streuung, \(\sigma\)

\[\color{green}{\sigma \sim \mathcal{E}(1/8)} \qquad{\text{Prior}}\]

  • Exponentialverteilt, da \(\sigma\) notwendig positiv ist
  • Median bei \(\lambda = 1/8\): ca. 5 cm
  • Daraus folgt: \(95\%\,KI(\mu): 178 \pm 40\), also 138–218 cm

Groß genug für Überraschungen, eng genug gegen unmögliche Werte.

Die Priori-Verteilungen im Bild

Prioris des Kung-Modells: Mittelwert (links) und Streuung (rechts)

Hinweis

Dieses Modell hat zwei Parameter, \(\mu\) und \(\sigma\).

Die Likelihood

\[\textcolor{orange}{h_i} \sim \mathcal{\textcolor{orange}{N}}(\textcolor{blue}{\mu}, \textcolor{green}{\sigma}) \qquad \textcolor{black}{\textcolor{orange}{Likelihood}}\]

  • Lies: “Die Körpergröße ist normalverteilt mit Mittelwert \(\mu\) und Streuung \(\sigma\)
  • Für jede plausible Kombination von \(\mu\) und \(\sigma\) berechnet Stan die Likelihood

Das vollständige Modell

\[ \begin{aligned} \mu &\sim \mathcal{N}(M=178, S=20) & \text{Prior} \\ \sigma &\sim \mathcal{E}(1/8) & \text{Prior} \\ h_i &\sim \mathcal{N}(\mu, \sigma) & \text{Likelihood} \\ \end{aligned} \]

Das ist unser Modell m_kung.

Post-Verteilung mit Stan berechnen

m_kung <-
  stan_glm(height ~ 1,
    prior_intercept = normal(178, 20),
    prior_aux = exponential(1/8),
    refresh = 0,
    data = kung_erwachsen)
  • height ~ 1: Regression ohne Prädiktor — nur die Verteilung der AV wird geschätzt
  • (Intercept) entspricht dem Mittelwert \(\mu\)

Die Randverteilungen von \(\mu\) und \(\sigma\)

Randverteilungen von mu und sigma

Randverteilungen von mu und sigma

Die gemeinsame Post-Verteilung

Gemeinsame Post-Verteilung von Mittelwert und Streuung

Gemeinsame Post-Verteilung von Mittelwert und Streuung

Für jede Kombination von \(\mu\) und \(\sigma\): Wie wahrscheinlich ist sie? Hier: \(\mu\) und \(\sigma\) sind unkorreliert.

Zusammenfassung: Modell m_kung

  • Wir erhalten eine Wahrscheinlichkeitsverteilung für \(\mu\) und für \(\sigma\) (bzw. eine gemeinsame Verteilung)
  • Trotz vagem Prior: kleine Streuung der Post-Werte — große Stichprobe überstimmt den Prior
  • Aus der Post-Verteilung können wir Stichproben ziehen und Fragen beantworten

Hallo, Posteriori-Verteilung

Fragen an die Posteriori-Verteilung

  1. Mit welcher Wahrscheinlichkeit ist die mittlere !Kung-Person größer als 1,55 m?
  2. Welche mittlere Körpergröße wird mit 95 % Wahrscheinlichkeit nicht überschritten?
  3. In welchem 90 %-PI liegt \(\mu\) vermutlich?
  4. Wie unsicher ist die Schätzung der mittleren Körpergröße?
  5. Was ist der mediane Schätzwert, der “Best Guess”?

Antworten: einfache Anteile berechnen

m_kung_post %>%
  count(mu > 155) %>%
  mutate(prop = n/sum(n))
  • \(P(\mu > 155)\): eher gering, aber nicht ausgeschlossen
  • \(P(\mu > 165)\): praktisch ausgeschlossen — aber nur unter dem Modell!

Kleine-Welt-Aussage

Diese Wahrscheinlichkeiten gelten nur, wenn das Modell (die Annahmen) zutrifft.

Parameterschätzung komfortabel

parameters(m_kung)
  • Golem schätzt den Größenmittelwert auf ca. 155 cm
  • 95 %-ETI (Equal-Tailed Interval, synonym zu PI) gibt den Unsicherheitsbereich an
  • Zusatzangaben wie pd, Rhat, ESS: vorerst ignorieren

Wie tickt stan_glm()?

Kerninfos zu stan_glm()

  • Stan: Software zur Berechnung von Bayes-Modellen; rstanarm stellt sie in R bereit
  • stan_glm() ist für Regressionsmodelle ausgelegt
  • Verteilung einer einzelnen Variable schätzen = Regression ohne Prädiktor: y ~ 1
  • (Intercept) = Mittelwert

Ketten und Geschwindigkeit

  • Stan zieht standardmäßig 4 Ketten (chains) — zur gegenseitigen Kontrolle
  • Stimmen alle Ketten überein → vertrauenswürdiges Ergebnis
  • Weichen sie ab → Fehler oder Problem im Modell
  • chains = 1 spart Zeit, aber ohne Kontrolle

Standard-Prioriwerte von stan_glm()

Ohne eigene Angabe wählt Stan die Prioris selbst — basierend auf den Stichprobendaten.

Standardwerte von stan_glm

  • Intercept: \(\mu \sim \mathcal{N}(\bar{Y},\ sd(Y)\cdot 2.5)\)
  • Auxiliary (sigma): \(\sigma \sim \mathcal{E}(\lambda = 1/sd(Y))\)

Das ist strenggenommen nicht “pures Bayes” — die Prioris basieren teils auf den Daten selbst.

Modell m_kung_neue_prioris: Standard-Priori-Werte

Modell mit Standard-Prioris

  • m_kung (eigene Prioris) vs. m_kung_neue_prioris (Standard-Prioris)
  • Ergebnis: sehr ähnliche Parameterwerte

Merksatz

Bei ausreichend großer Stichprobe fallen moderate Priori-Unterschiede kaum ins Gewicht.

Post-Verteilung des Intercepts

Histogramm der Post-Verteilung des Intercepts

Histogramm der Post-Verteilung des Intercepts

Posterior-Prädiktiv-Verteilung

  • Bisher: Verteilung von \(\mu\) (mittlere Körpergröße)
  • Jetzt: Verteilung der tatsächlichen Körpergrößen \(h_i\) laut Modell
  • Für jede Stichprobe \((\mu, \sigma)\) eine Normalverteilung ziehen → Posterior-Prädiktiv-Verteilung

Modellcheck: passt das Modell zu den Daten?

Posterior-Prädiktiv-Check

Dunkle Kurve: tatsächliche Daten. Helle Kurven: Simulationen aus der Post-Verteilung. Das Modell bildet die Realität gut ab.

Fazit

Was wir gelernt haben

  • Posteriori-Verteilung für ein Gauss-Modell berechnet: metrische AV ohne Prädiktoren
  • Zielvariable height ~ normalverteilt mit \(\mu\) und \(\sigma\)
  • Für \(\mu\) und \(\sigma\): keine fixen Werte, sondern Wahrscheinlichkeitsverteilungen (Prioris)

Merksatz

Kontinuierliches Lernen ist der Schlüssel zum Erfolg.

Vertiefung: Wahl der Priori-Werte

Vertiefung: Priori-Prädiktiv-Verteilung

  • Simuliert Beobachtungen nur auf Basis der Prioris (vor Kenntnis der Daten)
  • \(h_i \sim \mathcal{N}(\mu,\sigma),\ \mu \sim \mathcal{N}(178,20),\ \sigma \sim \mathcal{E}(0{.}1)\)
  • Prüft, ob die Priori-Annahmen plausibel sind

Priori-Prädiktiv-Verteilung der Körpergröße

Priori-Prädiktiv-Verteilung der Körpergröße

Vage Prioris können in die Irre führen

Extrem vage Priori: viele unplausible Werte

Extrem vage Priori: viele unplausible Werte
  • Mit \(\sigma \sim \mathcal{E}(0{.}01)\) (extrem vage): Modell erwartet z. T. negative Körpergrößen und Riesen
  • Vage (“objektive”, flache) Prioris sind oft keine gute Wahl — sie lassen unplausible Werte zu

Merksatz

Ein Prior sollte weder übergewiss noch beliebig vage sein — Plausibilität zählt.

Zusammenfassung: Priori-Wahl

  • Prioris transparent und begründet wählen
  • Alternative: schwach-informative Standardwerte (z. B. rstanarm-Default)
  • Prüfen lässt sich die Priori-Wahl mit der Priori-Prädiktiv-Verteilung
  • Bei großer Stichprobe: Einfluss des Priors sinkt ohnehin

Vielen Dank!

Fragen?

McElreath, R. (2020). Statistical Rethinking: A Bayesian Course with Examples in R and Stan (2. Aufl.). Taylor and Francis, CRC Press.