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Die Post befragen

Sebastian Sauer

Die Post befragen

Kapitelthema: Wie wir die Posteriori-Verteilung auslesen und zusammenfassen.

Lernziele

Nach diesem Kapitel können Sie …

  • die Post-Verteilung anhand einer Stichprobenverteilung auslesen
  • Fragen nach Wahrscheinlichkeitsanteilen der Post-Verteilung beantworten
  • Fragen nach Quantilen der Post-Verteilung beantworten
  • die Post-Verteilung mit R visualisieren
  • Schätzbereiche (Konfidenzintervalle) bestimmen: Perzentilintervalle und Highest Density Intervals (HDI)

Begleitliteratur: McElreath (2020), Kap. 3.1 und 3.2

Zur Erinnerung: Bayesbox in R berechnen

Zur Erinnerung: Die Bayesbox

  • Die Bayesbox (“Gittermethode”) berechnet die Posteriori-Verteilung
  • Die Post-Verteilung ist das zentrale Ergebnis einer Bayes-Analyse
  • Beispiel: Globusversuch mit \(W=6\) Wasser bei \(N=9\) Würfen, \(g=11\) Gitterwerte (0 bis 1, Schritte von 0.1)

Bei Apriori-Indifferenz entsprechen die Posteriori-Wahrscheinlichkeiten den Likelihoods — das Maximum liegt bei \(6/9 = 2/3\).

Die Bayesbox als Grafik

Postverteilung für W=6, N=9 — der wahrscheinlichste Wert ist hervorgehoben

Postverteilung für W=6, N=9 — der wahrscheinlichste Wert ist hervorgehoben

Bayesbox automatisiert

  • Die Berechnung lässt sich als Funktion bayesbox() bündeln
  • Verfügbar im R-Paket prada (pak::pak("sebastiansauer/prada"))
  • Aufruf: bayesbox(hyps = p_grid, priors = 1, liks = L)
  • Argumente: hyps (Parameterwerte), priors (Priori-Werte), liks (Likelihoods)

Grenzen der Bayesbox

  • Für einfache Modelle funktioniert die Bayesbox gut
  • Bei einer Regression mit Parametern \(\beta_0, \beta_1, \sigma\): je 10 Ausprägungen \(\rightarrow\) \(10 \cdot 10 \cdot 10 = 10^3\) Zeilen
  • Bei 100 Ausprägungen: \(100^3 = 10^6\) Zeilen
  • Bei 10 Parametern mit je 100 Ausprägungen: \(10^{100}\) Zeilen — unmöglich zu berechnen

Wir brauchen eine andere Lösung.

Mit Stichproben die Post-Verteilung zusammenfassen

Der Trick: Häufigkeiten statt Wahrscheinlichkeiten

  • Komplexere Bayes-Modelle lassen sich nicht mehr exakt ausrechnen
  • Lösung: Wir arbeiten mit Stichproben (Häufigkeiten) statt mit exakten Wahrscheinlichkeiten
  • In der Praxis übernehmen das Monte-Carlo-Markov-Ketten-Verfahren (MCMC), z. B. der R-Golem Stan (Paket rstanarm)
  • Wie MCMC im Detail funktioniert, ist nicht Gegenstand dieses Kurses — wir wenden es einfach an

Stichproben aus der Post-Verteilung ziehen

  • Aus der Bayesbox bayesbox_6w_9v ziehen wir \(n=10\,000\) Stichproben
  • Gewichtet nach der Posteriori-Wahrscheinlichkeit (weight_by = post)
  • Mit Zurücklegen (replace = TRUE), damit die Wahrscheinlichkeiten konstant bleiben
samples_6w_9v <- bayesbox_6w_9v %>%
  slice_sample(n = 1e4, weight_by = post, replace = TRUE) %>%
  select(p_grid)

Ab jetzt arbeiten wir überwiegend mit Post-Verteilungen auf Stichprobenbasis, weil das für komplexere Modelle nötig wird.

Stichproben-Bayesbox als Balkendiagramm

Stichprobenverteilung auf Basis von Stichproben

Stichprobenverteilung auf Basis von Stichproben
  • Wasseranteile zwischen ca. 50 % und 70 % sind am wahrscheinlichsten
  • Kleine Anteile (z. B. 25 %) sind nicht ausgeschlossen
  • Die Stichprobenverteilung nähert sich gut an die exakte Bayesbox-Verteilung an

Feineres Gitter: g = 100

Post-Verteilung mit 100 Gitterwerten: exakt vs. auf Stichprobenbasis

Post-Verteilung mit 100 Gitterwerten: exakt vs. auf Stichprobenbasis
  • Exakte Post-Verteilung (Linie) und Stichproben-Post-Verteilung (Histogramm) stimmen gut überein
  • Zentrale Tendenz: ca. 70 % Wasseranteil ist der “typische” Wert
  • Das Modell zeigt deutliche Streuung — es ist sich nicht sehr sicher

Hinweis

Mehr Stichproben und mehr Gitterwerte glätten die Stichproben-Post-Verteilung.

Eine Million Stichproben

Post-Verteilung mit einer Million Stichproben, 100 Parameterwerten

Post-Verteilung mit einer Million Stichproben, 100 Parameterwerten
  • Bei symmetrischer Verteilung liegen Modus, Mittelwert (MW) und Median (Md) eng beieinander
  • Je mehr Stichproben, desto glatter die resultierende Verteilung

Die Post-Verteilung befragen

Zwei Arten von Fragen an die Post

Wichtig

Die Post-Verteilung ist das zentrale Ergebnis einer Bayes-Analyse. Wir können viele nützliche Fragen an sie stellen.

Zwei Arten von Fragen:

A. Fragen nach Wahrscheinlichkeiten (p) B. Fragen nach Parameterwerten (Quantilen, q)

Beispiele für Fragen an die Post-Verteilung

A. Nach Wahrscheinlichkeiten (p):

  • Mit welcher Wahrscheinlichkeit liegt der Parameter unter/über einem bestimmten Wert?
  • Mit welcher Wahrscheinlichkeit liegt der Parameter zwischen zwei Werten?

B. Nach Parameterwerten (Quantilen, q):

  • Welcher Wert wird mit 95 % Wahrscheinlichkeit nicht überschritten?
  • Welcher Parameterwert hat die höchste Wahrscheinlichkeit?
  • Wie ungewiss ist das Modell über die Parameterwerte?

p vs. q — der Unterschied

Unterschied zwischen Fragen nach Wahrscheinlichkeiten (p) und nach Parameterwerten (q)

  • q-Frage: Welcher Wasseranteil wird mit gegebener Wahrscheinlichkeit p nicht überschritten? (gesucht: Parameterwert)
  • p-Frage: Wie wahrscheinlich ist ein Wasseranteil von höchstens q? (gesucht: Wahrscheinlichkeit)

Fragen nach Wahrscheinlichkeiten (p)

Forschungsfrage: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Wasseranteil unter 50 % liegt?

  • Wir zählen, wie viele Stichproben die Bedingung erfüllen
  • Und teilen durch die Gesamtzahl der Stichproben
samples_6w_9v %>% count(p_grid < .5)

Ergebnis: ca. 10 % Wahrscheinlichkeit für einen Wasseranteil unter 50 %.

Weitere p-Fragen

Wie wahrscheinlich liegt der Wasseranteil zwischen 0.5 und 0.75?

samples_6w_9v %>%
  count(p_grid > .5 & p_grid < .75) %>%
  mutate(Anteil = n / 1e4, Prozent = 100 * n / 1e4)

Wie wahrscheinlich liegt der Wasseranteil zwischen 0.9 und 1?

  • Ergebnis: sehr unwahrscheinlich, dass der Wasseranteil mindestens 90 % beträgt

Modus, Mittelwert, Median der Post

  • Modus (häufigster/wahrscheinlichster Wert): map_estimate()MAP = Maximum Aposteriori
  • Mittelwert: mean(p_grid)
  • Median: median(p_grid)

Alle drei sind Punktschätzer der Post-Verteilung und liegen bei symmetrischen Verteilungen eng beieinander.

Fragen nach Parameterwerten (Quantile)

Wichtig

Schätzbereiche von Parameterwerten nennt man auch Konfidenz- oder Vertrauensintervalle (auch: Kompatibilitätsintervall, Ungewissheitsintervall).

Frage: Welcher Parameterwert wird mit 90 % Wahrscheinlichkeit nicht überschritten?

samples_6w_9v %>% summarise(quantil90 = quantile(p_grid, p = .9))

Antwort: Wir können zu 90 % sicher sein, dass der Wasseranteil kleiner als ca. 78 % ist.

Das mittlere 90%-Intervall

Frage: Welches Intervall enthält mit 90 % Wahrscheinlichkeit den Parameterwert?

  • Links und rechts je 5 % der extremsten Stichproben abschneiden
samples_6w_9v %>%
  summarise(quant_05 = quantile(p_grid, 0.05),
            quant_95 = quantile(p_grid, 0.95))

Solche Fragen lassen sich mit Quantilen beantworten.

Visualisierung der Verteilungen

Definition: Perzentilintervall (PI)

Definition: Perzentilintervall (PI)

Intervalle, die die “abzuschneidende” Wahrscheinlichkeitsmasse hälftig auf beide Ränder aufteilen, nennt man Perzentilintervalle (PI) oder (synonym) Equal-Tails-Intervalle (ETI).

Perzentilintervall: die mittleren 80 % der Wahrscheinlichkeit

Perzentilintervall: die mittleren 80 % der Wahrscheinlichkeit

Schiefe Post-Verteilungen

Beispiel: Globusversuch mit 3 Würfen, 3 Treffern (Wasser)

  • Extremfall: alle Würfe zeigen Wasser
  • Die resultierende Post-Verteilung ist stark schief (rechtslastig, Maximum am Rand bei \(p=1\))
  • Gut geeignet, um PI und HDI zu vergleichen

PI vs. HDI bei schiefer Verteilung

Schiefe Intervalle: Das PI enthält den wahrscheinlichsten Wert nicht, das HDI schon

  • Ein Perzentilintervall kann bei schiefen Verteilungen den wahrscheinlichsten Parameterwert ausschließen — das ergibt wenig Sinn
  • Ein Highest-Density-Intervall (HDI) ist schmäler und enthält immer den wahrscheinlichsten Wert

Definition: Intervalle höchster Dichte (HDI)

Definition: Intervalle höchster Dichte (HDI)

Intervalle höchster Dichte (Highest Density Intervals, HDI oder HDPI) sind definiert als das schmälste Intervall, das den gesuchten Parameter enthält (bezogen auf ein gegebenes Modell).

  • Beim HDI sind die abgeschnittenen Ränder nicht zwangsläufig gleich groß
  • Beim PI ist die Wahrscheinlichkeitsmasse in beiden Rändern gleich groß

Punktschätzer bei schiefer Verteilung

Punktschätzer (Mittelwert, Median, Modus) bei schiefer Post-Verteilung

Punktschätzer (Mittelwert, Median, Modus) bei schiefer Post-Verteilung

Je unsymmetrischer die Verteilung, desto weiter liegen die Punktschätzer auseinander.

HDI berechnen

samples_6w_9v %>%
  select(p_grid) %>%
  hdi(ci = .5)  # aus dem Paket easystats

Ergebnis: Das Modell ist sich zu 50 % sicher, dass der Wasseranteil im Bereich von ca. 0.67 bis 0.78 liegt (HDI-basiert).

Fazit

Fazit: PI vs. HDI

  • Bei symmetrischer Posteriori-Verteilung sind PI und HDI ähnlich oder identisch
  • Perzentilintervalle sind in der Praxis verbreiteter
  • Intervalle höchster Dichte (HDI) sind bei schiefen Post-Verteilungen zu bevorzugen
  • HDI sind die schmalsten Intervalle für eine gegebene Wahrscheinlichkeitsmasse

Zusammenfassung am Beispiel

Globusversuch: 6 Treffer bei 9 Würfen (samples_6w_9v)

Lageparameter — welcher mittlere Wasseranteil ist zu erwarten?

samples_6w_9v %>% summarise(mean = mean(p_grid), median = median(p_grid))

Streuungsparameter — wie unsicher ist die Schätzung?

samples_6w_9v %>% summarise(p_sd = sd(p_grid), p_iqr = IQR(p_grid), p_mad = mad(p_grid))

Üblicher als reine Streuungsmaße: ein HDI oder PI für den Parameter angeben.

Merksatz zum Abschluss

Wichtig

Der Wasseranteil ist ein Beispiel für einen Parameter — eine unbekannte Größe eines Modells. Die Post-Verteilung sagt uns, wie plausibel welche Parameterwerte sind, und erlaubt uns, diese Unsicherheit präzise zu beziffern.

Kernpunkte dieses Kapitels

  • Die Bayesbox liefert die exakte Post-Verteilung, stößt aber bei komplexen Modellen an Grenzen
  • Stichproben aus der Post-Verteilung sind der praktikable Ersatz (Basis für MCMC/Stan)
  • Man kann die Post-Verteilung nach Wahrscheinlichkeiten (p) und nach Parameterwerten (q) befragen
  • PI (Perzentilintervall) und HDI (Intervall höchster Dichte) fassen die Unsicherheit als Bereich zusammen
  • Bei schiefen Verteilungen ist das HDI vorzuziehen

Vielen Dank!

Fragen?

McElreath, R. (2020). Statistical Rethinking: A Bayesian Course with Examples in R and Stan (2. Aufl.). Taylor and Francis, CRC Press.