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Verteilungen

Sebastian Sauer

Lernziele

Nach diesem Kapitel können Sie …

  • den Begriff der Zufallsvariablen erläutern
  • Wahrscheinlichkeitsdichte und Verteilungsfunktion erläutern
  • die Gleichverteilung erläutern
  • die Binomialverteilung erläutern
  • die halbe Normalverteilung erläutern
  • die Exponentialverteilung erläutern
  • zentrale Konzepte in R umsetzen

Zentrale Begriffe

Zufallsvariable (random variable)

  • diskret vs. stetig
  • Wahrscheinlichkeitsdichte: \(f\), (probability) density
  • Wahrscheinlichkeitsfunktion: kumulierte Wahrscheinlichkeit, Wahrscheinlichkeitsmasse

Wichtige Verteilungen: Gleichverteilung, Normalverteilung, Standardnormalverteilung

Wichtige Verteilungen

Wichtige Verteilungen — Überblick

In diesem Kapitel lernen wir vier zentrale Verteilungen kennen:

  1. Gleichverteilung — Indifferenz, alles gleich wahrscheinlich
  2. Binomialverteilung — Anzahl Treffer bei \(n\) Wiederholungen
  3. Halbe Normalverteilung — nur positive Werte
  4. Exponentialverteilung — Alternative zur halben NV

Gleichverteilung

Gleichverteilung — Indifferenz als Grundlage

  • Jede Ausprägung der Zufallsvariablen ist gleichwahrscheinlich
  • Passend, wenn kein Grund besteht, eine Ausprägung für plausibler zu halten als eine andere
  • Gibt es diskret und stetig

Definierendes Kennzeichen: die konstante Dichte

Gleichverteilung — Beispiel

Stetige Gleichverteilung; man beachte jeweils die Y-Achse

  • links: min = -1, max = 1, Dichte \(=1/2\) — bei \(X=0\) hat eine Einheit (-1 bis 0) 50 % Wahrscheinlichkeitsmasse
  • rechts: min = 0, max = 3, Dichte \(=1/3\) — jede Einheit hat ca. 33 % Wahrscheinlichkeitsmasse

Binomialverteilung

Definition: Binomialverteilung

Definition: Binomialverteilung

Stellt die Wahrscheinlichkeit der Ergebnisse eines \(n\)-fach wiederholten binomialen Zufallsexperiments dar (zwei Elementarereignisse).

  • interessiert: nur die Anzahl der \(k\) Treffer, nicht die Reihenfolge
  • Trefferwahrscheinlichkeit \(p\) bleibt über alle Wiederholungen gleich (Ziehen mit Zurücklegen)
  • Ergebnisse sind unabhängig voneinander (iid)

Notation

\[\overbrace{X}^{\text{Zufallsvariable}} \underbrace{\sim}_{\text{ist verteilt nach}} \underbrace{\overbrace{\text{Bin}(n, p)}^{\text{Binomialverteilung}}}_{\text{mit Parametern } n, p}\]

\[X \sim \text{Bin}(n, k)\]

Anwendungsbeispiele: defekte Schrauben, Wirkung eines Medikaments, Zustimmung in einer Umfrage, Würfelwürfe, faire/unfaire Münze

Beispiel: Das Loskästchen

Ein Loskästchen mit 2/5 Treffer und 3/5 Nieten

Ein Loskästchen mit 2/5 Treffer und 3/5 Nieten
  • Kästchen mit sehr vielen Losen: 2/5 Treffer (T), 3/5 Nieten (N)
  • Ziehen mit Zurücklegen — Trefferwahrscheinlichkeit ändert sich praktisch nicht
  • Frage: Wie wahrscheinlich sind bei 3 Zügen genau 2 Treffer?

Möglichkeiten zählen: 3 Lose, 2 Treffer

Wie viele Möglichkeiten gibt es, 3 Lose zu sortieren, von denen 2 Treffer sind und 1 Niete?

Wie viele Möglichkeiten gibt es, 3 Lose zu sortieren, von denen 2 Treffer sind und 1 Niete?
Pfad Treffer Wahrscheinlichkeit
TTT 3 \(p^3 \approx 0.064\)
TTN, TNT, NTT 2 \(p^2 q \approx 0.096\) (je)
TNN, NTN, NNT 1 \(p q^2 \approx 0.144\) (je)
NNN 0 \(q^3 \approx 0.216\)

Anzahl Pfade mal Pfad-Wahrscheinlichkeit

  • Wahrscheinlichkeit eines günstigen Pfades: \(Pr(A) = p^2 \cdot q^1 = \left(\tfrac{2}{5}\right)^2 \cdot \left(\tfrac{3}{5}\right)^1 \approx 0.096\)
  • 3 günstige Pfade ohne Beachtung der Reihenfolge: TTN, TNT, NTT

\[Pr(A') = k \cdot Pr(A) = 3 \cdot 0.096 = 0.29\]

Die Wahrscheinlichkeit, bei 3 Zügen 2 Treffer zu erzielen, beträgt ca. 29 %.

Formel der Binomialverteilung

Theorem: Binomialverteilung

\[Pr(X=k|p,n) = \frac{n!}{k!(n-k)!}p^k(1-p)^{n-k}\]

\[Pr(X=k|p,n) = \underbrace{\binom{n}{k}}_{\text{Anzahl Pfade}} \cdot \underbrace{p^k(1-p)^{n-k}}_{\text{Pfad-Wahrscheinlichkeit}}\]

Übersetzung: Wahrscheinlichkeit = Anzahl der günstigen Pfade mal Wahrscheinlichkeit eines günstigen Pfades.

Definition: Binomialkoeffizient

Definition: Binomialkoeffizient

Gibt an, auf wie vielen verschiedenen Arten man aus \(n\) Objekten \(k\) Objekte ziehen kann (ohne Zurücklegen, ohne Beachtung der Reihenfolge).

\[\binom{n}{k}= \frac{n!}{k!\cdot (n-k)!}\]

Lies: “Wähle aus \(n\) möglichen Ereignissen \(k\) günstige Ereignisse” — “k aus n” bzw. “n über k”

Fakultät

Man multipliziert alle natürlichen Zahlen von der gegebenen Zahl bis 1 herunter.

  • \(1! = 1\)
  • \(3! = 3 \cdot 2 \cdot 1 = 6\)
  • \(4! = 4 \cdot 3 \cdot 2 \cdot 1 = 24\)
  • \(0! = 1\) (per Definition)

In R: factorial() für die Fakultät, choose() für den Binomialkoeffizienten

Beispiel: 2 von 4 Freunden auswählen

  • 2 freie Plätze im Auto, 4 Freunde wollen mitfahren
  • Alle 4 wählen: \(4! = 24\) Möglichkeiten
  • Nur 2 von 4 (Reihenfolge zählt): \(\frac{4!}{2!} = 12\)
  • Reihenfolge egal (“AB” = “BA”): durch \(2!\) teilen

\[\binom{4}{2} = \frac{4!}{2! \cdot 2!} = 6\]

6 mögliche Mitfahrer-Kombinationen: AB, AC, AD, BC, BD, CD

Weitere Beispiele: Binomialkoeffizient

Lotto (6 aus 49):

\[\binom{49}{6}= 13\,983\,816 \text{ Zahlenkombinationen}\]

Beförderung (11 aus 25 Personen):

\[\binom{25}{11} = \frac{25!}{11!\cdot(25-11)!} = 4\,457\,400 \text{ Kombinationen}\]

Rechnen mit der Binomialverteilung in R

  • dbinom(x, size, prob) — Wahrscheinlichkeitsdichte/-funktion: \(Pr(X = x)\)
  • pbinom(q, size, prob) — Verteilungsfunktion (kumuliert): \(Pr(X \le q)\)
  • choose(n, k) — Binomialkoeffizient
  • factorial(n) — Fakultät

Beispiel: dbinom(x = 2, size = 3, prob = 2/5) — Wahrscheinlichkeit für 2 Treffer bei 3 Zügen, \(p = 2/5\)

Beispiel: Klausur mit 20 Richtig-Falsch-Fragen

Wie wahrscheinlich ist es, durch bloßes Raten genau 15 von 20 Fragen richtig zu haben?

dbinom(x = 15, size = 20, prob = .5)
# ≈ 0.01 (ca. 1 %)

Wie wahrscheinlich sind höchstens 15 Treffer?

pbinom(q = 15, size = 20, prob = .5)
# ≈ 0.99 (ca. 99 %)

Beispiel: Münzwürfe mit der Binomialverteilung

Verschiedene Binomialverteilungen: n=3, p=1/2 (links) und n=9, p=.7 (rechts)

  • 3 Münzwürfe, genau 3× Kopf: \(Pr(X=3) = (1/2)^3 = 0.125\)
  • Ist die Binomialverteilung symmetrisch? Ändert sich die Wahrscheinlichkeit linear?

Beispiel: Pumpstation

  • 7 Motoren, je 5 % Ausfallwahrscheinlichkeit pro Tag
  • Betrieb läuft weiter, solange mindestens 5 Motoren arbeiten
  • Frage: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit eines Ausfalls?

Wahrscheinlichkeit, dass genau k = 0..7 Motoren laufen

Wahrscheinlichkeit, dass genau k = 0..7 Motoren laufen

Pumpstation — Rechnung

\[Pr(X\ge 5) = Pr(X=5) + Pr(X=6) + Pr(X=7) \approx 0.996\]

Komplementäres Ereignis (Ausfall, höchstens 4 Motoren):

\[Pr(\bar{X}) = 1 - Pr(X) \approx 0.004\]

Die Wahrscheinlichkeit eines Ausfalls liegt bei ca. 0,4 %. Alternativ direkt: pbinom(q = 4, size = 7, prob = .95)

Halbe Normalverteilung

Die halbe Normalverteilung

Die halbe Normalverteilung

Die halbe Normalverteilung

Definition: Halbe Normalverteilung

Ignoriert man die (negativen) Vorzeichen der Normalverteilungswerte, erhält man die halbe Normalverteilung. Man “spiegelt” die negative Seite auf die positive.

  • verwendbar, wenn normalverteilte Werte \(> 0\) sein müssen
  • zwei Parameter: Mittelwert und SD, analog zur Normalverteilung

Beispiele: Halbe Normalverteilung

  • Entfernung eines Dart-Pfeils zur Mitte der Zielscheibe
  • Entfernung des vom Baum gefallenen Apfels zum Stamm
  • Abweichung des Gewichts eines Produkts vom Soll-Gewicht
  • Reaktionszeiten einer Versuchsperson

Exponentialverteilung

Die Exponentialverteilung

  • Alternative zur halben Normalverteilung
  • Ähnlicher Verlauf, aber: Extremwerte sind wahrscheinlicher
  • Vorteilhaft, wenn die Skalierung eines Phänomens unklar ist

\[X \sim \operatorname{Exp}(1)\]

Exponentialverteilung vs. halbe Normalverteilung

Exponentialverteilung (blau, Rate = 1) vs. halbe Normalverteilung (sd = 1)

Exponentialverteilung (blau, Rate = 1) vs. halbe Normalverteilung (sd = 1)

Die Normalverteilung setzt der Streuung engere Grenzen als die Exponentialverteilung.

Eigenschaften der Exponentialverteilung

  1. nur für positive Werte \(x > 0\) definiert
  2. steigt \(X\) um eine Einheit, ändert sich \(Y\) um einen konstanten Faktor
  3. ein Parameter: Rate \(\lambda\) (“lambda”)
  4. \(\frac{1}{\lambda}\) gibt gleichzeitig Mittelwert und Streuung an
  5. größeres \(\lambda\) → schnellerer “Verfall”, kleinere Streuung/Mittelwert (und umgekehrt)

Verschiedene Exponentialverteilungen

Exponentialverteilung mit lambda = 1

Exponentialverteilung mit lambda = 1
  • Unterschiede zwischen Exponentialverteilungen kommen nur durch \(\lambda\) zustande
  • in R: qexp(p, rate) für Quantile, pexp() für die Verteilungsfunktion
  1. B. qexp(p = .5, rate = 1/8) ≈ 5,5 — der Median dieser Verteilung

Verteilung wählen: ein Merksatz

Hinweis

Eine “gut passende” oder gar “richtige” Verteilung zu finden, ist nicht immer einfach. Im Zweifel lieber eine liberalere Verteilung wählen, die einen breiteren Raum an möglichen Werten zulässt — aber Extremwerte, die unrealistisch sind, sollte man trotzdem ausschließen.

Zusammenfassung

  • Gleichverteilung: alle Ausprägungen gleich wahrscheinlich, konstante Dichte
  • Binomialverteilung: \(Pr(X=k|p,n) = \binom{n}{k}p^k(1-p)^{n-k}\) — Anzahl Treffer bei \(n\) Wiederholungen
  • Halbe Normalverteilung: nur positive Werte, gespiegelte Normalverteilung
  • Exponentialverteilung: Alternative zur halben NV, ein Parameter \(\lambda\), extremere Werte möglich

Vielen Dank!

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