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Populationsinferenz

Sebastian Sauer

Lernziele

Nach diesem Kapitel können Sie …

  • Populationsinferenz definieren und von der Deskriptivstatistik abgrenzen
  • erläutern, warum inferenzstatistische Schlüsse notwendig Ungewissheit enthalten
  • Ungewissheit zu Regressionskoeffizienten von Ungewissheit zur Vorhersagegenauigkeit (\(\sigma\)) unterscheiden
  • den Begriff des Konfidenzintervalls erläutern und interpretieren
  • frequentistische und Bayes-Inferenz gegenüberstellen
  • den p-Wert informell definieren und typische Fehlinterpretationen benennen
  • statistische Signifikanz sowie Null- und Alternativhypothese erläutern

Vom Teil aufs Ganze

  • Populationsinferenz: Schließen von der Stichprobe auf die Grundgesamtheit
  • Frage: Was sagt mein Datensatz (Stichprobe) über die zugrundeliegende Grundgesamtheit (Population) aus?
  • Beispiel: Anteil A der R-Fans unter allen Studierenden schätzen — auf Basis einer Stichprobe

Grundproblem: Wir wollen Aussagen über die Population, haben aber nur einen Ausschnitt (Stichprobe) davon.

Population vs. Stichprobe

Population vs. Stichprobe (Autor: Karsten Lübke, Lizenz: OEM)

  • Stichprobe: 42 % R-Fans, \(p = 0{,}42\)
  • Schluss auf Population: \(\pi = 0{,}42\) (Punktschätzer)

Hinweis

Lateinische Buchstaben (z. B. \(p\)) für Stichproben-Kennwerte, griechische (\(\pi\)) für Populations-Kennwerte.

Definition: (Populations-)Inferenzstatistik

Definition: (Populations-)Inferenzstatistik

Verfahren zum Schließen von Statistiken (Kennzahl einer Stichprobe) auf Parameter (Kennzahl einer Grundgesamtheit). Inferenz = Schließen: aus vorliegendem Wissen wird neues Wissen generiert.

Zwei Hauptarten: (1) Populationsinferenz, (2) Kausalinferenz.

Kennwerte: Stichprobe vs. Population

Kennwert Stichprobe Population Schätzwert
Mittelwert \(\bar{X}\) \(\mu\) \(\hat{\mu}\)
Streuung \(sd\) \(\sigma\) \(\hat{\sigma}\)
Anteil \(p\) \(\pi\) \(\hat{\pi}\)
Korrelation \(r\) \(\rho\) \(\hat{\rho}\)
Regression \(b\) \(\beta\) \(\hat{\beta}\)

Da Populationsparameter fast nie sicher bekannt sind, begnügt man sich mit Schätzwerten (“Dach”).

Definition: Populationsinferenz

Definition: Populationsinferenz

Teilbereich der Statistik, der von den Daten einer begrenzten Stichprobe auf eine zugrundeliegende Grundgesamtheit verallgemeinert (schließt).

  • Deskriptivstatistik (Beschreiben) und Inferenzstatistik (Erklären/Verallgemeinern) gehen Hand in Hand

graph LR
    Population["Grundgesamtheit (Population)
    N = groß"]
    Sample["Stichprobe
    n = klein"]
    Population -->|Zufallsauswahl| Sample
    Sample -- Inferenzschluss --> Population

Inferenz beinhaltet Ungewissheit

  • Man kennt nur einen Teil (Stichprobe) des Ganzen (Population)
  • Aus diesem begrenzten Wissen resultiert notwendig Ungewissheit über die Population

Wichtig

Nichts Genaues weiß man nicht: Schließt man vom Teil aufs Ganze, geschieht das unter Unsicherheit — man spricht von Ungewissheit.

Definition: Zufälliges Ereignis

Definition: Zufälliges Ereignis

Ein Ereignis, das nicht (komplett) vorherzusehen ist (z. B. Augenzahl beim Würfeln). Zufällig bedeutet nicht zwangsläufig ursachenlos — nur sind die genauen Randbedingungen meist nicht ausreichend bekannt.

Ungewissheit unterschiedlich präzise formulieren

  • “Morgen regnet’s” \(\Leftrightarrow\) mit \(p = 97\%\) gibt es morgen mehr als 0 mm Niederschlag
  • “Methode A ist besser als B” \(\Leftrightarrow\) mit 57 % Wahrscheinlichkeit ist der Mittelwert von \(Y\) für A höher als für B
  • “Die Maschine fällt bald aus” \(\Leftrightarrow\) mit 97 % Wahrscheinlichkeit Ausfall in 1–3 Tagen
  • “Die Investition lohnt sich” \(\Leftrightarrow\) Erwartungswert 42 €; mit 90 % zwischen −10.000 € und 100.000 €

Zwei Arten von Ungewissheit

Im Regressionsmodell gibt es (mindestens) zwei Arten von Ungewissheit:

  1. Wie (un)gewiss ist man sich über die Regressionsgewichte (\(\beta_0, \beta_1\))?
  2. Wie (un)gewiss ist man sich über die Vorhersagegenauigkeit (\(\sigma\))?

Ungewissheit der Regressionsgeraden

Ungewissheit für Achsenabschnitt und Steigung

Die Regressionsgerade könnte “höher/niedriger aufgehängt” sein oder mehr/weniger steigen — wir wissen es nicht exakt.

Warum schwanken Koeffizienten?

  • Verschiedene Zufallsstichproben aus derselben Population liefern unterschiedliche Regressionskoeffizienten

Drei Stichproben, drei leicht unterschiedliche Regressionsgeraden

Wichtig

Stichproben-Kennwerte schwanken um den tatsächlichen Wert in der Population herum.

Sigma: Ungewissheit der Vorhersagegenauigkeit

  • Selbst bei sicherer Lage der Regressionsgeraden bleibt Ungewissheit: Wie genau sind Vorhersagen?
  • Ausgedrückt durch \(R^2\) oder \(\sigma\)

Gleiche Gerade, unterschiedliche Vorhersagegüte (kurze vs. lange Fehlerbalken)

Definition: Sigma

\(\sigma\) gibt (grob) den mittleren Vorhersagefehler des Modells an — wie weit eine Vorhersage im Schnitt vom wahren Wert entfernt ist.

Ungewissheit muss angegeben werden

Wichtig

Schließt man auf eine Population (schätzt Modellparameter), sollte stets die (Un-)Genauigkeit der Schätzung mit angegeben werden.

Im Regressionsmodell betrifft das zwei Stellen:

  1. Präzision der Regressionsgeraden (\(\beta_0\), \(\beta_1\))
  2. Modellgüte / Vorhersagefehler (\(R^2\) bzw. \(\sigma\))

Konfidenzintervall

  • Statt eines einzelnen Punktschätzers gibt man einen Schätzbereich an
  • Synonym: Konfidenzintervall
  • Beispiel: 95 %-Schätzbereich für Achsenabschnitt ca. 36–56 Punkte; Steigung ca. 0,7–1,1 Punkte/Stunde

Definition: Konfidenzintervall

Oberbegriff für Schätzbereiche von Parametern. Die Grenzen markieren einen Bereich plausibler Werte für den Parameter.

Interpretation im Bayes-Kontext

“Laut Modell liegt der gesuchte Anteil der R-Fans mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 % im Bereich von 40 bis 44 Prozentpunkten.”

Im Bayes-Kontext ist ein Konfidenzintervall unmittelbar als Wahrscheinlichkeitsaussage interpretierbar.

Frequentistische vs. Bayes-Inferenz

Frequentismus

  • Fehlentscheidungen auf lange Sicht kontrollieren
  • kein Vorwissen einbezogen
  • Wahrscheinlichkeit = relative Häufigkeit
  • keine Wahrscheinlichkeitsaussage zu Parametern möglich

Bayes

  • Wahrscheinlichkeit einer Hypothese korrekt bemessen
  • Vorwissen (Prior) fließt explizit ein
  • Wahrscheinlichkeitsaussagen für Hypothesen möglich
  • rechenintensiver, erst neuerdings praktikabel

Der p-Wert

Wahrscheinlichkeit, ein Ergebnis zu erhalten, das mindestens so extrem ist wie das beobachtete — unter der Annahme, dass es keinen Effekt gibt.

  • Man nimmt an: kein Effekt (Nullhypothese)
  • Frage: Wie überraschend wären die Daten unter dieser Annahme?
  • p-Wert = diese “Überraschungs-Wahrscheinlichkeit”

p-Wert: häufige Fehlinterpretationen

Der p-Wert wird oft falsch verstanden.

  • ❌ Der p-Wert gibt die Wahrscheinlichkeit der Nullhypothese (oder Forschungshypothese) an
  • ❌ Der p-Wert zeigt ein inhaltlich bedeutsames Ergebnis an

Der p-Wert ist wenig intuitiv

Der p-Wert ist wenig intuitiv

Wichtig

Ein frequentistisches Konfidenzintervall macht keine Wahrscheinlichkeitsaussage über einen Populationswert — sondern eine Aussage über wiederholtes Stichprobenziehen.

Bayes-Inferenz: Posteriori-Verteilung

Zentrale Statistik: die Posteriori-Verteilung — beantwortet: “Wie wahrscheinlich ist die Hypothese, nachdem wir die Daten kennen?”

In der Bayes-Statistik sind Aussagen erlaubt wie:

Mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 % ist der neue Webshop besser als der alte.

Mit einer Wahrscheinlichkeit von 89 % liegt die Wirksamkeit zwischen 0,1 und 0,4.

Statistische Signifikanz

  • Frequentismus: signifikant, wenn \(p < .05\)
  • Hier verwendete (übergreifende) Definition:

Definition: Statistische Signifikanz

Ist der Wert Null nicht im Schätzbereich enthalten, liegt ein statistisch signifikantes Ergebnis vor.

Signifikanz ist auch eine Funktion der Stichprobengröße — große Stichproben werden fast immer signifikant.

flowchart LR
S[Stichprobengröße]
E[Effektgröße]
p[p<0.05]
S-->p
E-->p

Null- und Alternativhypothese

Definition: Exakte Nullhypothese

\(H_0\) besagt, dass kein Effekt vorliegt (kein Unterschied, kein Zusammenhang, keine Veränderung).

Definition: Alternativhypothese

Besagt, dass ein (substanzieller) Effekt vorliegt — logisch meist das Gegenteil von \(H_0\).

Beispiele: \(H_0: \mu = 100\); \(H_0: \rho = 0\); \(H_0: \pi = 0{,}5\); \(H_0: \beta_1 = 0\)

Frequentist vs. Bayesianer

Frequentist wettet mit Bayesianer (xkcd 1132)

Frequentist wettet mit Bayesianer (xkcd 1132)

Pointe: Vorab-Information (Prior) wird im Frequentismus nicht berücksichtigt.

Zusammenfassung

  • Populationsinferenz: von der Stichprobe auf die Population schließen
  • Inferenz ist immer mit Ungewissheit behaftet — zwei Quellen: \(\beta\) und \(\sigma\)
  • Konfidenzintervall = Schätzbereich statt Punktschätzer
  • Frequentismus (p-Wert) vs. Bayes (Posteriori-Verteilung)
  • Statistische Signifikanz: Null nicht im Schätzbereich enthalten