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Die drei Zielarten der Statistik

Sebastian Sauer

Wozu ist Statistik eigentlich da?

Nach Shmueli (2010) lassen sich drei Zielarten statistischer Analysen unterscheiden:

  • Beschreiben
  • Vorhersagen
  • Erklären

Anhand der verwendeten Methode (z. B. Regression) allein erkennt man nicht, welches Ziel eine Studie verfolgt — das steht in der Forschungsfrage.

Übersicht der drei Zielarten

flowchart TD
  A{Ziele} --> B(Beschreiben)
  A --> C(Vorhersagen)
  A --> D(Erklären)
  B --> E(Verteilung)
  B --> F(Zusammenhang)
  C --> H(Punktschätzung)
  C --> I(Bereichsschätzung)
  D --> J(Kausalinferenz)
  D --> K(Populationsinferenz)

Beispiele für die drei Zielarten

  • Beschreiben: Wie groß ist der Gender-Paygap in Branche X im Zeitraum Y?
  • Vorhersagen: Wenn Mr. X 100 Stunden auf die Statistikklausur lernt, welche Note ist zu erwarten?
  • Erklären: Wie viel bringt (mir) das Lernen auf die Klausur?

Zielart Beschreiben

  • Ziel: Daten zu aussagekräftigen Kennzahlen zusammenfassen
  • Synonym: deskriptive Statistik
  • Typische Kennzahlen: Mittelwert, Korrelation, Regressionskoeffizienten
  • Kein Anspruch, über die Daten hinauszugehen (keine Aussage über die Population)

Definition: Deskriptivstatistik

Deskriptivstatistik fasst Merkmale aus einer Stichprobe zu Kennzahlen (Statistiken) zusammen.

Beschreiben — Beispiel

  • 100 Studis im Hörsaal schreiben ihre Körpergröße auf
  • Dozentin berechnet den Mittelwert
  • Fertig: deskriptive Statistik!

Beschreibende Statistik fasst eine oder mehrere Variablen zu einer Kennzahl zusammen.

Beschreibende Statistik fasst eine oder mehrere Variablen zu einer Kennzahl zusammen.

Zielart Vorhersagen

  • Ziel: gegeben Werten der UV den Wert der AV vorhersagen
  • Synonym: prädiktive / prognostische Analyse
  • Ergebnis: Punktschätzung oder Bereichsschätzung

Beispiel — Ali lernt für die Klausur: Ali lernt 42 Stunden. Vorhersage: 83 Punkte (Punktschätzung) bzw. 80–86 Punkte (Bereichsschätzung).

Vorhersagen — Regressionsmodell für Ali

Noten und Lernzeit: Rohdaten mit Regressionsgerade und Punkt-Vorhersage für Ali

Noten und Lernzeit: Rohdaten mit Regressionsgerade und Punkt-Vorhersage für Ali

Vorhersagen — mit Unsicherheitsbereich

Regressionsgerade mit Vorhersagebereich für Ali (herangezoomt)

Regressionsgerade mit Vorhersagebereich für Ali (herangezoomt)

Zielart Erklären

Synonym: schließende Statistik / Inferenzstatistik

Zwei Bedeutungen (vgl. Gelman et al., 2021):

  1. Populationsinferenz — gilt der Stichproben-Befund auch in der Grundgesamtheit?
  2. Kausalinferenz — welche Variable ist Ursache, welche Wirkung?

Erklären — Beispiele

Populationsinferenz:

  • Wie groß ist \(b\) (Lernzeit → Note) in der Grundgesamtheit?
  • Bevorzugen Kunden allgemein Webshop A oder B?

Kausalinferenz:

  • Ist Größe eine Ursache von Gewicht?
  • Wenn ich 100h lerne, welche Note schreibe ich dann deswegen?

Kausalinferenz — Studie A: Östrogen

Fiktive klinische Studie, \(n = 700\): Medikament vs. kein Medikament, getrennt nach Geschlecht.

  • Bei Männern: Medikament hilft
  • Bei Frauen: Medikament hilft
  • Gesamt: Medikament hilft NICHT?!

Wie kann das sein? Was raten wir dem Arzt?

Studie A — Daten im Bild

Daten zur Studie A im Balkendiagramm

Daten zur Studie A im Balkendiagramm

Studie A — die kausale Struktur

Zwei direkte Effekte (gender, drug) und ein indirekter Effekt (gender über drug) auf recovery

Zwei direkte Effekte (gender, drug) und ein indirekter Effekt (gender über drug) auf recovery

Wichtig

Geschlecht konfundiert den Zusammenhang von Medikament und Heilung. Hier ist Stratifizieren (nach Geschlecht trennen) der richtige Weg.

Kausalinferenz — Studie B: Blutdruck

Gleiche Datenstruktur wie Studie A, aber:

  • Bei geringem Blutdruck: Medikament schädlich
  • Bei hohem Blutdruck: Medikament schädlich
  • Gesamt: Medikament scheint zu nützen?!

Studie B — die kausale Struktur

Drug hat keinen direkten, aber zwei indirekte Effekte auf recovery — einer heilsam, einer schädlich

Drug hat keinen direkten, aber zwei indirekte Effekte auf recovery — einer heilsam, einer schädlich

Wichtig

Hier zeigt die Gesamtbetrachtung den wahren kausalen Effekt. Stratifizieren wäre hier falsch — man sähe nur den toxischen Effekt.

Studie A vs. B — die Pointe

  • Gleiche Daten-Struktur, aber unterschiedliches Kausalmodell
  • In A: Stratifizieren richtig
  • In B: Stratifizieren falsch
  • Ohne Kausalmodell ist aus den Daten allein keine Handlungsempfehlung ableitbar

Wichtig

Für Entscheidungen (“Was soll ich tun?”) braucht man kausales Wissen — basierend auf Theorie (Kausalmodell) plus Daten.

Populationsinferenz

  • Schließt von der Stichprobe auf die Grundgesamtheit
  • Nicht die Frage “was ist Ursache”, sondern: gilt der Befund auch allgemein — oder ist er nur Stichprobenrauschen?
  • Werkzeuge: Konfidenzintervalle, Signifikanztests, Bayes-Statistik (Fokus dieses Buchs)

Wichtig

Populationsinferenz sagt nichts über Ursache und Wirkung aus — ein statistisch gesicherter Zusammenhang kann trotzdem konfundiert sein.

Populationsinferenz — Beispiele

  • Zusammenhang Lernzeit–Note in der Stichprobe: \(b = 0{,}8\). Wie groß ist \(b\) vermutlich in der Grundgesamtheit?
  • Kunden bevorzugen in der Stichprobe Webshop A vor B. Gilt das für alle (zukünftigen) Kunden — oder ist das Zufall?

Populationsinferenz ist Thema des nächsten Kapitels.

Modellieren — Grundraster des Erkennens

  • Die Welt ist zu komplex, um jedes Detail zu erfassen
  • Wir vereinfachen — aber behalten das Wesentliche

Definition: Modell

Ein Modell ist ein vereinfachtes Abbild der Wirklichkeit.

X und Y — das Sinnbild des statistischen Modells

flowchart LR
X --> Y
X1 --> Y2
X2 --> Y2

Definition: Funktion

Eine mathematische Funktion \(f\) setzt zwei Größen in Beziehung: \(f: X \rightarrow Y\) bzw. \(y = f(x)\).

Definition: Effekt

Effekt bezeichnet die Größe des statistischen Zusammenhangs (oder der Differenz) zwischen UV und AV, die über den zufälligen Erwartungswert hinausgeht. Effekt ist nicht unbedingt kausal zu verstehen.

Alle drei Zielarten modellieren — aber unterschiedlich

  • Beschreiben: Kennzahlen wie der Mittelwert, um sich “ein Bild zu machen”
  • Vorhersagen: Modelle als Werkzeug für genaue Vorhersagen (ohne Erklärungsanspruch)
  • Erklären: Modelle, um die Wirklichkeit möglichst korrekt darzustellen

Regression zum Modellieren

Eine Regression

Eine Regression

Hinweis

Regression + Inferenz = 💖

Die Regression ist das “Schweizer Taschenmesser” der Statistik — (fast) immer einsetzbar, statt vieler verschiedener Spezialverfahren.

Regression statt Verfahrens-Wald

Wähle die Regression statt vieler Einzelverfahren

Wähle die Regression statt vieler Einzelverfahren

Hinweis

Viele klassische Verfahren (t-Test, ANOVA, Korrelation) sind Spezialfälle der Regression.

Spezialfälle der Regression

  • t-Test: UV zweistufig nominal, AV metrisch
  • ANOVA: UV mehrstufig nominal, AV metrisch
  • Korrelation: = Regressionskoeffizient \(\beta_1\), wenn UV und AV z-standardisiert sind

Die Regressionsgleichung

Regressionsgerade: einfache Regression (links) und multiple Regression (rechts)

Satz: Lineares Modell (Regressionsgleichung)

\[y = \beta_0 + \beta_1 x_1 + \ldots + \beta_k x_k + \epsilon\]

\(\beta_0\): Achsenabschnitt (Intercept); \(\beta_1, \ldots, \beta_k\): Steigungen (Regressionsgewichte, Koeffizienten, Parameter) (Gelman et al., 2021).

Fazit

  • Drei Zielarten: Beschreiben, Vorhersagen, Erklären (Populations- & Kausalinferenz)
  • Alle drei modellieren — mit unterschiedlichem Anspruch
  • Die Regression ist unser universelles Werkzeug für alle Zielarten
  • Als Nächstes: Populationsinferenz vertiefen

Wichtig

Kontinuierliches Lernen ist der Schlüssel zum Erfolg.

Vielen Dank!

Fragen?

Gelman, A., Hill, J., & Vehtari, A. (2021). Regression and Other Stories. Cambridge University Press.
Shmueli, G. (2010). To Explain or to Predict? Statistical Science, 25(3), 289–310. https://doi.org/10.1214/10-STS330